Wir haben etwas zu sagen!

Unser Vorstand und unsere Mitarbeiterinnen beziehen Stellung zu aktuellen Ereignissen, politischen Entwicklungen, aber auch zu unseren Festen und Feierlichkeiten. Hier kommt eine Auswahl unserer Reden und Beiträge.

18.09.2021 Festival der Frauen, 'Weil es uns gibt', Rede von Laura Kapp

Foto:Simone Ahrend, sah-photo

Als das Autonome Frauenzentrum Potsdam gegründet wurde, war ich 5 Jahre alt. Mein Name ist Laura Kapp und ich bin eine der ehrenamtlichen Vorstandsfrauen des Frauenzentrums. Ich habe heute Abend die ehrenvolle Aufgabe, Sie im Namen des Vereins und des Vorstands herzlich bei unserem Festival der Frauen zu begrüßen.

1990 wurde in meinem Kindergarten – den es heute nicht mehr gibt – der Sandkasten für das neue Westspielzeug umgegraben, und 500 Meter weiter dachten ein paar Frauen, sie könnten die Welt aus den Angeln heben.

Ein Verein wurde gegründet und schon 1991 hatte Potsdam ein Frauenhaus und ein Frauenzentrum. In den folgenden Jahren kamen weitere Projekte dazu. Die Frauenberatungsstelle wurde eröffnet und der Mädchentreff Zimtzicken wurde gegründet, der übrigens dieses Jahr 25 Jahre alt ist.

Als ich 1997 die Grundschule – die es heute nicht mehr gibt – abschloss, erweiterte sich das Frauenzentrum um eine Notwohnung.

2012 trat ich meinen ersten Job in der Fachhochschule am Alten Markt an – die es heute nicht mehr gibt – , und das Frauenzentrum hatte endlich eigene Räume, losgelöst vom Frauenhaus, hier in der Schiffbauergasse und war mittlerweile ein fester Ort für Frauen jeder Herkunft, jeden Alters und jeder Orientierung in dieser Stadt.

Das Autonome Frauenzentrum war immer politisch. Die Frauen aus der Gründungszeit wollten Politik machen, mitgestalten, Fraueninteressen vertreten. Trotzdem sind heute vier unserer fünf Projekte in der sozialen Arbeit. Das hat zwei Gründe.

Erstens wurde schnell deutlich, wie groß der Bedarf war. Viele Frauen, damals wie heute, brauchen Schutz und Hilfe weil ihnen Gewalt angetan wurde. Alle Mädchen, damals wie heute, brauchen einen Ort, an dem sie frei sein können, sie selbst zu sein. Selbstverständlich nimmt das Frauenzentrum den Auftrag an, über diese Frauen und Mädchen einen schützenden Schirm zu breiten.

Der zweite Grund wurde passend zusammengefasst von unserer inzwischen leider verstorbenen Mitgründerin Gisela Opitz. Bei den Überlegungen zu den politischen Projekten, die angeschoben werden sollten, sagte sie damals den schönen Satz in die Runde: Aber Kinder, das bezahlt uns keiner.

Also machen wir soziale Arbeit. Weil sie gebraucht wird. Und weil die Finanzierung von frauenpolitischer Arbeit immer schwierig ist und, seien wir ehrlich, nur mit einer gehörigen Portion Selbstausbeutung überhaupt funktioniert. Aber wir machen unsere soziale Arbeit mit einer politischen Haltung. Wir sind nicht neutral. Wir sind nicht objektiv. Wir sind parteiisch für Frauen und Mädchen und ihre besonderen Interessen.

Unsere politische, kulturelle und soziale Arbeit wird von vielen, vielen Händen und Köpfen geleistet.

Da sind unsere Vereinsfrauen. Einige sind seit der ersten Stunde dabei, übernehmen immer wieder wichtige Aufgaben und sind unser lebendes Vereinsgedächtnis. Neue Frauen sind über die Jahre dazu gekommen und bereichern uns mit neuen Ideen und Perspektiven.

Da sind unsere 15 Mitarbeiterinnen in den Projekten und der Geschäftsstelle, die genau wissen, dass die Arbeit für unseren Verein neben Beruf auch immer ein bisschen Berufung sein muss.

Da ist unsere Geschäftsführende Vorstandsfrau und Mitgründerin Heiderose Gerber, die mit Bedacht und zäher Ausdauer den Laden seit Beginn zusammenhält.

Da sind meine ehrenamtlichen Vorstandskolleginnen: sowohl die aktuellen Jenny Pöller, Anja Heigl und Anja Günther, als auch all unsere Vorgängerinnen, die in den letzten 30 Jahren ihre Zeit und ihre Kraft in dieses Amt gesteckt haben.

Auch außerhalb unseres Vereins gibt es zahllose Unterstützende, die mit Geld- und Sachspenden, mit Beratung, Beziehungen und guten Worten dem Autonomen Frauenzentrum dabei geholfen haben, das zu werden, was es heute ist. Nur exemplarisch will ich hier den Verein Fördert Frau e.V. nennen, der uns bereits seit 25 Jahren unterstützt. Ich danke Ihnen allen!

Wenn ich auf die letzten 31 Jahre blicke, fällt mir sofort auf, wieviele Stationen meines eigenen Lebens es nicht mehr gibt – Kindergarten, Grundschule, Arbeitsort. Viele Menschen in diesem Land teilen diese Erfahrung. Es gab in Brandenburg mal 16 Frauenzentren. 13 davon gibt es nicht mehr. Auch wir hatten Projekte, wie den Frauennotruf in den 1990er Jahren, die es nicht mehr gibt. Wir müssen immer wieder kämpfen, um Dinge aufzubauen und sie am Leben zu erhalten. Oft gelingt es. Manchmal scheitern wir.

Seit 1990 sind viele Dinge verschwunden, viele andere dazu gekommen und Potsdam ist heute eigentlich kaum wiederzuerkennen, aber das Autonome Frauenzentrum Potsdam ist noch da. Uns gibt es.

Ich weiß nicht, ob die Gründerinnen unseres Vereins sich damals das Potsdam von heute vorstellen konnten. Ob sie eine Vorahnung hatten von einem Festival der Frauen in der Schinkelhalle, die es damals noch nicht gab. Ob sie daran dachten, dass 31 Jahre später eine Frau im Vorstand sein wird, die damals 5 Jahre alt war.

Ich hoffe, dass wir auch in 30 Jahren das Festival der Frauen und unseren Verein feiern können. Vielleicht an einem Ort, den es heute noch nicht gibt, vielleicht mit einer Frau im Vorstand, die heute 5 Jahre alt ist. Und ich hoffe, dass auch dann noch gilt, was wir heute Abend mit Selbstbewusstsein und ohne falsche Bescheidenheit sagen können:

Diese Stadt ist eine bessere, weil es uns gibt.

Vielen Dank!

01.08.2023 Beitrag zur Serie 'Wahlweise' in der PNN

1. Was ist das dringlichste Projekt/Anliegen für Ihren Verein?

Für uns ist die Umsetzung der Istanbul Konvention (IK) das dringlichste Anliegen in der kommenden Legislatur. Die IK ist ein internationales Abkommen zur Beseitigung von Gewalt gegen Frauen, das Deutschland 2018 unterzeichnet hat. Seine Umsetzung ist verpflichtend; dazu gehört zum Beispiel eine ausreichende Versorgung mit Schutz- und Beratungseinrichtungen.

Wir betreiben u.a. das Potsdamer Frauenhaus, eine Frauennotwohnung und eine Beratungsstelle. Diese Einrichtungen decken den Bedarf nicht ab und sind überlastet. Sie müssen dringend ausgebaut werden, damit wir allen schutz- und hilfesuchenden Frauen Unterstützung bieten können. Das Land hat eine Erhöhung der Mittel angekündigt; jetzt muss auch die Stadt mitziehen.

Würde man die IK in Potsdam umsetzen, hieße das konkret: 15 neue Familienplätze (also eine Frau und zwei Kinder) im Frauenhaus. Dazu bräuchte es Räume und auch Sozialarbeiterinnen. Denn das Frauenhaus ist nicht nur ein Zufluchtsort, sondern begleitet die Frauen auch auf ihrem Weg in ein neues Leben ohne Gewalt. Kinder lernen hier, das Erlebte zu verarbeiten und für sich selbst gewaltfreie Lösungen für Konflikte zu finden.  

Für unsere Beratungsstelle wären fünf Stellen à 40 Stunden ausreichend. Aktuell sind es zwei Stellen à 30 Stunden. Unsere Kapazitäten müssten sich also mehr als verdoppeln.

Das Frauenzentrum ist als Basis für unsere Arbeit unerlässlich. Deshalb muss der Beschluss zur langfristigen Finanzierung des neuen Standortes ab 2025 unbedingt umgesetzt werden. Im Frauenzentrum betreiben wir Öffentlichkeitsarbeit, sensibilisieren, klären auf und stellen politische Forderungen.

Ein weiter Pfeiler unserer Präventionsarbeit ist der Mädchentreff Zimtzicken, der seinen Radius gerade auf Inklusion, also den Einbezug von Mädchen mit Beeinträchtigungen, ausbaut. Die beschlossene Erweiterung des Mädchentreffs muss unbedingt umgesetzt werden.

 

2. Wie sollte Potsdams Lokalpolitik das unterstützen?

Um Gewalt gegen Frauen und Mädchen zu bekämpfen, um Gleichberechtigung und Chancengleichheit zu schaffen, brauchen wir Stadtverordnete, die hinter diesen Zielen stehen und die entsprechenden Maßnahmen in die Wege leiten. Die Gesicht zeigen, sich für ein gesamtgesellschaftliches Umdenken einsetzen und für das Thema sensibilisieren. Macht euch stark, schmiedet ein Bündnis gegen geschlechtsspezifische Gewalt! Werbt in euren Fraktionen und Parteien für mehr Vielfalt, damit die Perspektiven von unterschiedlichsten Frauen in die SVV kommen. Achtet bei der vergabe von finanziellen Mitteln auf Geschlechtergerechtigkeit, bleibt an Themen dran und fordert die Umsetzung durch die Verwaltung konsequent ein.

 

3. Was sollte die nächste Stadtverordnetenversammlung in ihrer fünfjährigen Legislatur mit höchster Priorität für Potsdam umsetzen?

Der Beschluss zur Einrichtung einer Koordinierungsstelle gegen Gewalt an Frauen, sexualisierte Gewalt und Stalking aus dem Jahr 2021 muss umgesetzt werden. Gewaltprävention erreichen wir auch durch einen fairen Wohnungsmarkt. Steigende Mieten und fehlender Wohnraum führen zu Abhängigkeit vom Partner. Auch der Auszug aus dem Frauenhaus verzögert sich, Plätze bleiben unnötig lange besetzt. Das Thema muss durch die SVV weiter verfolgt werden.

09.09.2023 Festival der Frauen, 'Momente der Wahrheit', Grußwort von Laura Kapp

„The pen is mightier than the sword“ – Die Feder ist mächtiger als das Schwert. Ein altbekanntes Zitat. In dieser Form stammt es aus der Feder des englischen Autoren Edward Bulwer-Lytton, der es 1839 in sein Theaterstück über Kardinal Richelieu schrieb. Aber Versionen dieser Idee wurden schon in über 2500 Jahre alten Quellen gefunden.

Die Feder ist mächtiger als das Schwert. Das Wort ist stärker als Gewalt. Es sind Ideen, die die Welt bewegen, nicht Waffen.

Ich habe diesen Satz schon oft gehört und er kam mir immer logisch vor. Erst in Vorbereitung auf den heutigen Abend habe ich ernsthaft darüber nachgedacht, ob er eigentlich stimmt. Und darüber, wie sich dieser Satz anfühlt, wenn man unter dem Schwert lebt.

Ich bin in der glücklichen Position, das nicht zu wissen. Und ich kann ehrlich sagen, dass ich nicht weiß, wie mutig ich im Angesicht der Repressalien wäre, die die Protagonistinnen des heutigen Abends erlebt haben. Meine Momente der Wahrheit sind anderer Natur. Der Chef macht einen schlüpfrigen Witz, die Bekannte erzählt groben Unfug über Trans Personen, Die Kita-Erzieherinnen sind irgendwie unfreundlicher zu dem syrischen Kind.

Dann gibt es diesen Moment. Ein kurzes Erschrecken, Erstarren, alles fühlt sich einmal kalt und dann direkt heiß an. Das Adrenalin schießt hoch und ich bin ganz klar mit einer Entscheidung konfrontiert, für die ich jetzt genau 0,2 Sekunden Zeit habe: Sage ich jetzt was?

Wir alle hatten schon diese Momente. Wir alle haben die Entscheidung schon manchmal so und manchmal so getroffen und wir alle haben wahrscheinlich beides schon einmal bereut.

Vor wenigen Wochen hatte ich Gelegenheit an einer privaten Führung durch die Gedenkstätte Lindenstraße hier in Potsdam teilzunehmen mit zwei Menschen, die dort in den 80er Jahren aus politischen Gründen inhaftiert waren. Eine der beiden erzählte mir, dass sie mal für ein Zeitzeugenprojekt interviewt wurde und mit dem Ergebnis sehr unglücklich war. „Die haben uns nur als Opfer dargestellt“ sagte sie. „Ich hatte so viele Ressourcen die mir geholfen haben, diese Zeit zu überstehen und ich habe jede kleine Lücke für Selbstwirksamkeit genutzt, die ich finden konnte.“

Diese Worte spielen seitdem als Dauerschleife in meinem Kopf. Ich lebe nicht in einer Diktatur. Meine Worte sind manchmal wirkungsvoll und manchmal wirkungslos, aber sie bringen mich nicht in Gefahr ins Gefängnis gesteckt zu werden.

Aber aus all diesem Nachdenken über die großen und kleinen Momente der Wahrheit im Leben leite ich für mich persönlich zwei Handlungsanweisungen ab:

  1. Wenn du irgendwie kannst, dann mach den Mund auf und sag die Wahrheit; und
  2. Nutze jede auch noch so kleine Lücke für Selbstwirksamkeit.

Vielen Dank, dass Sie heute Abend dabei sind. Ich wünsche uns einen wirkungsvollen Abend!

24.11.2024 Flaggenhissung zum internationalen Tag zur Beseitigung von Gewalt gegen Frauen, Statement von Michaela Burkard

Das „Lagebild häusliche Gewalt“ der Polizei Brandenburg erfasste letztes Jahr 548 Fälle in Potsdam. Das sind nur die Fälle, die auch der Polizei gemeldet wurden. Nicht erfasst ist das sogenannte Dunkelfeld. Nicht erfasst ist Gewalt gegen Mädchen und Frauen im öffentlichen Raum, am Arbeitsplatz, in der Schule oder Universität und in vielen anderen Situationen als einer Partnerschaft bzw. Familie.

Unter den 548 Fällen ist auch ein Femizid: Am 1. März 2022 wurde in Potsdam eine Frau von ihrem Ex-Partner ermordet. Dieser war wegen schwerer körperlicher Gewalt gegen seine vorherige Partnerin bereits im Maßregelvollzug gewesen.

548 Fälle, das macht statistisch gesehen jeden Tag 1,5. Und obwohl Gewalt gegen Frauen und Mädchen im wahrsten Sinne des Wortes alltäglich ist, haben wir in unserer Gesellschaft bis heute keinen guten Umgang damit gefunden. Viele wollen nicht wahrhaben, dass es diese Gewalt gibt. Sie wollen lieber von Einzelfällen und Familiendramen sprechen und den betroffenen Mädchen und Frauen die Schuld geben.

Viele Menschen schieben Gewalt in bestimmte gesellschaftliche Gruppen, um sich nicht damit beschäftigen zu müssen. Wie oft habe ich in meiner Arbeit schon unverblümt rassistische und antimuslimische Aussagen gehört, verbunden mit einem Herabschauen und einer Abgrenzung, so als gehörten manche Menschen einfach nicht zu unserer Gesellschaft. Als würde es ohne Migration keine häusliche Gewalt geben. Keiner Frau ist damit geholfen, wenn ihre Lage dazu missbraucht wird, um rechtes Gedankengut zu verbreiten.

Gewalt gegen Mädchen und Frauen gibt es in allen sozialen Milieus, sie betrifft alle Altersgruppen, sie findet im öffentlichen Raum genauso statt wie hinter verschlossenen Türen. Sie ist fest in unseren gesellschaftlichen Strukturen verankert. Sie ist Teil des Patriarchats. Sie geht einher mit struktureller Benachteiligung und Diskriminierung. Sie ist Ausdruck von Frauenfeindlichkeit und der Abwertung von Weiblichkeit. Sie hängt eng zusammen mit der Vorstellung davon, dass es nur zwei Geschlechter gibt, die bestimmte Eigenschaften und Machtpositionen haben. Wir kriegen sie nur weg, wenn wir an diese Strukturen gehen, statt von Einzelfällen zu sprechen.

Das klingt jetzt alles ziemlich frustrierend. Doch wir alle können etwas tun. Die gesellschaftlichen Strukturen sind nicht vom Himmel gefallen. Menschen haben sie gemacht. Und Menschen können sie auch ändern. Fangen wir heute damit an.

01.03.2024 Demo zum Feministischen Kampftag,  Rede von Michaela Burkard

Unser Demozug führte uns heute durch die Potsdamer Altstadt und am Turm der Garnisonkirche vorbei. Viele dieser Gebäude sehen zwar alt aus, sind aber neu aufgebaut worden. Tausende Tourist*innen kommen jedes Jahr nach Potsdam und bewundern die historisch aussehenden Neubauten.

Das Königreich Preußen und später das deutsche Kaiserreich wirken dabei oft ganz neutral und unpolitisch. Schöne Häuser, opulente Kleider, Kutschen auf den Straßen. Doch das stimmt so natürlich nicht.

Bleiben wir mal beim deutschen Reich. Demokratische Mitbestimmung, Meinungs- und Pressefreiheit: Alles in weiter Ferne. Nationalismus, Militarismus und das Herabschauen auf andere Länder und Kulturen bereiteten den Boden für den Nationalsozialismus.

Auch Frauen- und Geschlechterpolitisch sah die Welt damals noch ganz anders aus.  Die Geschlechtervorstellungen waren rigide: in einem binären Geschlechterverständnis gab es ganz klare Rollen für Frauen und Männer, diese wurden als naturgegeben und nicht veränderbar angesehen.

Die bürgerliche Kleinfamilie mit dem Vater als autoritärem Oberhaupt war das Ideal. Mit entsprechender Härte wurden Kinder dazu erzogen, ihre späteren Rollen als Ehefrau oder Ehemann zu erfüllen. Uneheliche Kinder bedeuteten für die Mütter den sozialen Abstieg und für die Kinder ein Stigma, das sie bis an ihr Lebensende verfolgte, falls sie nicht zur Adoption freigegeben wurden.

Frauen, die in Fabriken arbeiteten, lebten in Armut und hatten zum Beispiel keinen Mutterschutz. Bedienstete Frauen in Haushalten wohlhabender Familien waren Ausbeutung und oft auch sexualisierter Gewalt ausgesetzt.

Und die Gesetzgebung? Hier nur eine kleine Auswahl:

  • 1871 wurde der der §218, der bis heute den Schwangerschaftsabbruch verbietet eingeführt, ebenso 175, der Homosexualität zwischen Männern unter Strafe stellte
  • 1900 schrieb das Bürgerliche Gesetzbuch vor, dass der Mann das „Haupt der Gemeinschaft“ sei und das Entscheidungsrecht in allen die Familie betreffenden Entscheidungen habe.
  • Von 1850 bis 1908 war es Frauen verboten, politischen Vereinen oder Parteien beizutreten. Bis 1902 durften sie politische Versammlungen noch nicht einmal besuchen.
  • 1908 erlaubte Preußen als vorletztes Bundesland im deutschen Reich, dass Frauen an Hochschulen studieren.
  • Erst 1918, nach dem Untergang des Kaiserreichs, wurde das Wahlrecht für Frauen eingeführt.

Schon dieser kleine Ausschnitt zeigt mir, dass ich in dieser Zeit nicht hätte leben wollen.

Alte Architektur bringt immer auch einen Teil dieser alten Werte mit sich. Das eine gibt es nicht ohne das andere.

Zugleich sind auch all die Errungenschaften, die wir seitdem erreicht haben, nicht in Stein gemeißelt. Die Uhr kann immer zurückgedreht werden – nicht nur architektonisch. Lasst uns gemeinsam dafür streiten, dass es nicht soweit kommt!

08.03.2024 Lesung mit Anne Rabe zum 8. März,  Grußwort von Laura Kapp

Dieses Buch war eine neue Erfahrung für mich. Es ist mir noch nicht oft passiert, dass ich Bücher lese, die von Menschen geschrieben sind, die mir demografisch so nahe sind. Jetzt ist es also so weit. Jetzt bin ich alt genug, dass es sich auf der Shortlist des Deutschen Buchpreises um meine Generation dreht. Und dann auch noch im Osten.

Beim Lesen hatte ich ein ständiges Metronom des Wiedererkennens in mir. Der große Bruder, der Nirvana hört, die selbstgedrehten Zigaretten ohne Filter am Lagerfeuer, das Wissen, dass weiße Schnürsenkel gefährlicher sind als andere Farben, ohne mich daran zu erinnern, woher ich das weiß.

Es gibt eine kleine Szene, die gar nicht so zentral in dieser Geschichte ist, die bei mir ganz besonders hängen geblieben ist. Der westdeutsche Wilhelm besucht seinen ostdeutschen Bruder Paul nach der Wende. Und in mir schlägt nicht nur das Metronom, sondern es schwingt regelrecht, ohne dass ich zunächst mit dem Finger darauf zeigen kann, was das genau ist. Wilhelm kann Paul nicht sehen. Nicht wirklich.

Ich habe mit 16 ein Auslandsjahr gemacht. Es war 2001 und jetzt ging das ja. Wir waren Austauschschüler*innen aus den USA, Belgien, Dänemark, Norwegen und neben mir noch zwei andere deutsche Mädchen aus NRW. Eines Abends saßen wir alle am Strand und unterhielten uns über Nationalfeiertage. Die anderen beiden Deutschen schauten mich verwirrt an und fragten, wann eigentlich der deutsche Nationalfeiertag ist. 3. Oktober, sagte ich. Ihre Verwirrung wuchs: Warum feiern WIR denn Unabhängigkeitstag? Ich war sprachlos. Wir feiern die Wiedervereinigung. Ein Ereignis, was das Leben der beiden anderen höchstens am Rande gestreift hatte, aber ein Ereignis ohne das ich an diesem Abend nicht an diesem Strand gesessen hätte.

Es gibt immer noch so viel Wut und Trotz und Ressentiment vom Osten gegen den Westen. Aber das gleiche kommt nicht zurück in die andere Richtung. Da ist in Wirklichkeit gar keine Verachtung oder Herablassung. Da ist gar nichts.

Es ist ein Leben im toten Winkel. Da, aber nicht zu sehen. Nicht im Feuilleton, im Fernsehen, in den Vorständen. Die größte Verletzung überhaupt. Wir sind nicht mal wichtig genug um gehasst zu werden.

So lange, bis genug Menschen hier die AfD wählen, und plötzlich ein ganzes Land aufschreckt und fieberhaft versucht „den Osten“ zu verstehen.

Dieses Leben im toten Winkel erinnert mich noch an etwas anderes, was Ost und West wiederum verbindet. Die Welt besteht zu über der Hälfte aus Frauen, aber wir verschwinden zum Teil so sehr, dass auch 100 Jahre, nachdem Sigmund Freud daran scheiterte zu entschlüsseln, was Frauen wollen, immer noch Männer darüber sprechen, dass die weibliche Gedankenwelt für sie ein nicht zu ergründendes Mysterium bleiben wird. Die Idee einfach mal eine Frau zu fragen, irgendeine, kommt gar nicht auf. Wir sind ja nicht zu sehen. Nicht im Feuilleton und nicht in den Vorständen.

Nicht gesehen werden macht etwas mit Menschen und zwar nichts Gutes, das beschreibt Anne Rabes Buch sehr genau.

Ich persönlich bin ein Sonntagskind. Ich werde gesehen. Ich wurde damals gesehen, in diesem unbeaufsichtigten Jahrzehnt nach der Wende und ich werde heute gesehen und zwar in all meinen Facetten. Als Frau, als Ostdeutsche, als Tochter und Mutter, als Stadtverordnete oder Vorstandsfrau. Und aus dieser Sichtbarkeit schöpfe ich Kraft, die es mir ermöglicht auch andere zu sehen. In all ihrer Komplexität, auch wenn es anstrengend wird. Gerade wenn es anstrengend wird.

Wir haben nicht das Glück in einer Welt zu leben, in der jedes Menschenkind mit den Worten begrüßt wird „Ich bin deine Mama, ich hab dich lieb.“ Aber wir könnten in einer Welt leben, in der jeder Mensch den Satz hört: „Ich sehe dich. Ganz und gar.“ Und was wäre das wohl für eine Welt?

Haben Sie vielen Dank, dass Sie heute hier sind. Ich wünsche uns einen schönen Abend.