Brigitte Kirsten

Drehbuchautorin und Szenaristin, Jahrgang 1934

Brigitte Kirsten (rechts) während einer Vorstandssitzung im Frauenzentrum mit Dagmar Döring (links) und Barbara Fadtke (Mitte), 1990 © Frauenzentrum Potsdam

 

Brigitte Kirsten kommt am 3. Juli 1934 in Berlin zur Welt. Als der Zweite Weltkrieg endet, ist sie zehn Jahre alt. Was waren ihre Träume und Wünsche? Wie lebte es sich in der Trümmerstadt? Wer waren ihre Eltern? Sie kann nichts darüber erzählen, denn ihre Erinnerungen verblassen.

Brigitte Kirsten, geborene Wegener, lässt sich bei der Deutschen Film AG (DEFA) zur Fotografin ausbilden. 1956/57 arbeitet sie als Kamera-Assistentin im DEFA-Studio für Spielfilme, unter anderem für den Diplomfilm des Regisseurs Ralf Kirsten „Bärenburger Schnurre“.[1] Die beiden werden ein Paar und heiraten. Brigitte Kirsten nimmt kurz darauf ein Studium an der Deutschen Hochschule für Filmkunst in Babelsberg auf. Gern wäre sie Kamerafrau geworden. Ihr Chef ist dagegen, aber um sie zu halten ermöglicht er ihr eine andere Fachrichtung ihrer Wahl.[2] Sie entscheidet sich für Dramaturgie und Drehbuch. Danach kehrt sie zum Spielfilmstudio zurück. Sie wird Mutter von zwei Söhnen und realisiert als Szenaristin und Drehbuchautorin mit ihrem Mann drei gemeinsame Filme: „Frau Venus und ihr Teufel“ (1966/67), „Die Elixiere des Teufels“ (1973) und „Unterm Birnbaum“ (1973, literarische Mitarbeit).[3] Mit Walter Beck entsteht das Drehbuch zum Kinderfilm „Des Henkers Bruder“ (1978/79). Daneben bereitet sie bis 1979 weitere Filme vor, die jedoch nicht umgesetzt werden.1982 steht sie Daniel Aß bei seinem Diplomfernsehfilm „Haus ohne Tür“ als Szenaristin zur Seite.[4] Es scheint ihre letzte Arbeit gewesen zu sein.
Brigitte Kirsten fühlt sich zunehmend eingeengt in ihrem Wirken. Zuviele Eingriffe von „Sachunkundigen“.[5] Sie hat das Gefühl, kein selbstbestimmtes Leben zu führen. „Dieses Undurchsichtige, eigentlich hatte schon immer jemand anderes für einen gedacht. […] Irgendwie sind wir immer ein bisschen für dumm verkauft, im Dunkeln gehalten, vor allem stark bevormundet worden. […] Das konnte man wirklich nicht mehr aushalten. Sich schlau machen wollen, was die anderen machen, hier und in der Welt, was die so für Ideen haben, heißt doch noch nicht, dass ich meine Überzeugung über Bord werfe“.[6] 
Sie ist Mitglied im Kulturbund. Als sie beruflich dorthin wechseln will und ihr das nicht gestattet wird, tritt sie aus der SED aus.[7] 

Im Herbst 1989 nimmt Brigitte Kirsten an den Demonstrationen in Potsdam teil, die die gesellschaftliche Wende ankündigen. Rückblickend resümiert sie die Kluft zwischen dem, was die Bürger*innenbewegung anstrebt und was die Mehrheit will: „Deutlich war der Unterschied zwischen denen, die damals auf der Tribüne standen und gesprochen haben, eine gewisse Freiheit für ihr Leben forderten, und der Bevölkerung, die viel einfacher strukturiert war in ihren Bedürfnissen. Letztere wollten die Westklamotten und den Kaffee oder was da noch so alles bisher Unerreichbares für sie war.“[8]
Sie geht zu Veranstaltungen in der Erlöserkirche, lernt Menschen kennen, die sich für Veränderungen in der DDR einsetzen. Sensibilisiert durch jahrelange Lektüre über die internationale Frauenbewegung, macht sie sich Gedanken, wie sich das Leben für Frauen im Osten ändern kann und muss. Dann stößt sie auf die Zeitungsanzeige mit der Einladung zu einem Frauentreffen am 10. Dezember 1989 in der Ausbildungsstätte für Gemeindepädagogik. Sie geht hin und gründet sechs Tage später die Unabhängige Initiative Potsdamer Frauen (UIPF) mit. Sie schließt sich der Arbeitsgruppe an, die ein Frauenzentrum aufbauen will und übernimmt bald die Koordinierung. Frauen müssten vielfältige Anregungen erhalten, damit sie sich auch politisch betätigen, sagt sie der Journalistin Gabi Leopold in einem Interview. Bildung, Körpertraining und Rhetorikkurse sollen Selbstvertrauen und Selbstwertgefühl stärken.[9] 
Café, Bibliothek und Videothek gehören in ein künftiges Frauenzentrum, so steht es in der Konzeption. Aber auch eine Notwohnung für Frauen und deren Kinder ist geplant, denn es gilt, Frauen zu schützen, die vor der Gewalt ihrer Partner geflüchtet sind. In der DDR wurde das Thema totgeschwiegen, nun ist es allerorten präsent. Brigitte Kirsten hilft, die Idee der Potsdamer Fraueninitiative zu verbreiten. Im Januar und Februar 1990 stellt sie das Frauenzentrum in der Arbeitsgruppe Frauenpolitik des Regionalausschusses Berlin vor, die UIPF in der Bezirkskulturakademie und im Ernährungsinstitut Rehbrücke. Möglichst vielfältige Kreise werden angesprochen.

Bis zur Gründung des Vereins Autonomes Frauenzentrum Potsdam im April 1990 engagiert sich Brigitte Kirsten in der Unabhängigen Fraueninitiative. Sie ist Koordinatorin, Sprecherin und nimmt auch an Sitzungen des Runden Tisch des Bezirkes teil.[10] „Es waren Frauen da, die sich nicht in irgendeiner Weise profilieren wollten, sondern die helfen wollten, die wirklich da sein wollten, wenn es Aufgaben zu lösen galt.“, blickt sie 2004 darauf zurück.[11] Sie tritt dem Vorstand des Frauenzentrums bei, verlässt ihn jedoch im Januar 1991 wegen der „Unvereinbarkeit der unterschiedlichen Auffassungen über die Funktion des Hauses.“[12] Sie gehört zu den Frauen, die gern mehr Bildung und Kultur im Haus angeboten hätten. Doch der Bedarf an Schutzwohnungen ist groß. Beides in einem Haus bedeutet Einschränkungen bei öffentlichen Veranstaltungen. Auch andere Frauen verlassen deswegen das Projekt. Trotzdem sagt sie 2004: „Das war etwas sehr, sehr Schönes, was hier entstanden war. Unsere Ziele, unsere Arbeit, unsere Kreativität waren ganz eindeutig geprägt durch unsere Erziehung zur Solidarität, die wir allerdings bis zu diesem Moment nie auf unser eigenes Geschlecht bezogen haben. War es auch nur für kurze Zeit, wir haben sie damals erlebt: Frauensolidarität.“[13]

Mit der Auflösung der DEFA im März 1991 verliert auch Brigitte Kirsten ihre Arbeit im Spielfilmstudio. Von 1992 bis 1996 arbeitet sie in der Landesgeschäftsstelle des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes im Bereich Öffentlichkeitsarbeit. Dann geht sie in Rente. Seit einem Schlaganfall 2009 lebt sie in einer Seniorenresidenz in der Potsdamer Innenstadt.

  1. Januar 2022

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[1] https://www.filmportal.de/person/brigitte-wegener_defcfb18d00949408db919459c7f23a4 (8.10.2021).
[2] Gerlinde Grahn (Hg.): „Wir bleiben hier, gestalten wollen wir“. Der Runde Tisch im Bezirk Potsdam 1989/90 – Forum des gesellschaftlichen Dialogs. Nr. 10 der Schriftenreihe der Rosa-Luxemburg-Stiftung Brandenburg e.V. „Land Brandenburg in Geschichte und Gegenwart“. Schkeuditz 2006, S. 105-109, hier S. 105.
[3] Liste der Filme, an denen sie mitgewirkt hat: https://www.filmportal.de/person/brigitte-kirsten_d5a37606f1764373860635ec3e12a201 (8.10.2021). Allerdings wird hier als Drehbuchautorin für „Die Elixiere des Teufels“ fälschlich Gudrun Deubener angegeben. Diesen Hinweis verdanke ich Anett Werner-Burgmann. Siehe dazu ihren Beitrag „E.T.A. Hoffmann und die DEFA. Internationale Hoffmann-Verfilmungen: Das Fräulein von Scuderi (1955) und Die Elixiere des Teufels (1973): https://etahoffmann.staatsbibliothek-berlin.de/erforschen/rezeption/hoffmann-im-film/hoffmann-defa/ (26.10.2021).
[4] In der Datenbank der Filmuniversität Babelsberg wird sie fälschlich als Mitregisseurin genannt: https://server8.bibl.filmuniversitaet.de/F/?func=direct&doc_number=000084138&local_base=HFF01 (8.10.2021)
[5] Gerlinde Grahn, Wir bleiben hier, S. 105.
[6] Ebd.
[7] Ebd.
[8] Ebd., S. 105/106.
[9] Gabi Leopold: Ein Haus für Frauen. Das Projekt engagierter Potsdamer Frauen braucht viele Hände, in: Märkische Volksstimme, 2.4.1990.
[10] Protokoll der UIPF, 5.1.1990 und MAZ-Archiv, Foto von Michael Hübner bei einer Sitzung des Runden Tisches des Bezirkes im Januar 1990, vorn links Brigitte Kirsten (Siehe Kapitel 2); Robert-Havemann-Gesellschaft/Archiv der DDR-Opposition, UFV-Bestand, A/132 Potsdam/Gründung UIPF, A/132 Potsdam/UFV-Büro + UIPF 1990/Briefe von und an UFV + UIPF, A/132 Potsdam/Gründung Frauenzentrum.
[11] Gerlinde Grahn, Wir bleiben hier, S. 107.
[12] Archiv des Frauenzentrums Potsdam: Brief von Brigitte Kirsten an den Vorstand des Frauenzentrums Potsdam am 3.1.1991.
[13] Gerlinde Grahn, Wir bleiben hier, S. 109.