1989/90 – Aufbruch der Potsdamer Frauen!

 

 

Auf dieser Seite werden laufend Ergebnisse unseres Forschungsprojekts zur Potsdamer Frauenbewegung 1989/90 veröffentlicht. Alle Texte stammen von der Ethnologin Jeanette Toussaint.

Nach und nach fügen wir Biografien von engagierten Potsdamerinnen hinzu und zeigen die Entstehung frauenpolitischer Organisationen und Strukturen in Potsdam. So entsteht schließlich eine umfangreiche Sammlung, die zu einer Zeitreise in die bewegenden Jahre rund um Mauerfall und Wiedervereinigung einlädt.

Sollten Sie noch über Erinnerungen und Dokumente zur Frauenbewegung in Potsdam verfügen, würden wir uns über den Kontakt mit Ihnen freuen. Sie können sich an Jeanette Toussaint wenden: j.toussaint@freenet.de oder an das Frauenzentrum kontakt@frauenzentrum-potsdam.de, Tel. 0331 967 93 29.

Über das Projekt

Wir dachten, wir können die Welt aus den Angeln heben
Die Unabhängige Initiative Potsdamer Frauen (1989 bis 1995)

Das Frauenzentrum Potsdam wurde von Frauen aufgebaut, die sich während der politischen Wende 1989 zusammengefunden haben. Bis zur Gründung des Vereins im April 1990 waren die meisten in der Unabhängigen Initiative Potsdamer Frauen organisiert, dem späteren Unabhängigen Frauenverband – Landesbüro Brandenburg. In Publikationen zum politischen Umbruch 1989/90 in Potsdam spielt der Verband keine Rolle oder wird allenfalls am Rande erwähnt. Dabei verzeichnete die Fraueninitiative im Frühjahr 1990 rund 150 Mitglieder aus allen Alters- und Berufsgruppen.

Damit die Geschichte der Potsdamer Frauenbewegung nicht in Vergessenheit gerät, startete das Autonome Frauenzentrum 2019 ein Projekt zur Aufarbeitung der Historie. Jeanette Toussaint, die mit den Forschungen beauftragte Ethnologin, hat eine Reihe von Zeitzeuginnen zu ihrem Engagement in der Unabhängigen Initiative Potsdamer Frauen befragt und ist den biografischen Hintergründen für ihr politisches Handeln gefolgt. Außerdem hat sie die noch vorhandenen Dokumente und Fotos gesammelt, um sie nach Abschluss des Vorhabens in ein Archiv zu geben. So sind sie auch für zukünftige Wissenschaftler/innen zugänglich. Ausgehend von den Interviews und dem zeitgeschichtlichen Material entstand ein vielstimmiges Erinnerungsprojekt. Die Ergebnisse werden hier nach und nach eingestellt.

Und nun viel Spaß bei der Zeitreise in die Jahre 1989 bis 1995!

Impressum und Dank

Texte: Jeanette Toussaint
Lektorat: Ralf Forster
Interviewtranskriptionen: Barbara Bunting
Bildbearbeitung: Susanne Stich / design | BÜROSTICH+
Gestaltung: Michaela Burkard

Unser Dank gilt allen, die die Forschungen finanziell und ideell unterstützt haben, insbesondere den Interviewpartnerinnen Katherine Biesecke, Barbara Burkhardt, Ursula Demitter, Rosemarie Döhle, Lea Edelmann, Heiderose Gerber, Ute Grimm, Christel Heise, Beate Müller, Sieglinde Reinhardt, Ute Tröbner, Christina Vierke, Dörte Wernick, Elfi Wiedemann sowie Lutz Boede, Cathleen Bürgelt, Amélie zu Eulenburg, Uwe Fröhlich, Bernd Gurlt, Detlev Konnerth, Anke Lehmann, Carsten Linke, Juliane Müller, Bernhard und Matthias Opitz, Peter Ulrich Weiß, Cornelia Wüstling und dem MAZ-Pressearchiv.

Gefördert mit Mitteln des Ministeriums für Soziales, Gesundheit, Integration und Verbraucherschutz des Landes Brandenburg

Kapitel 1: Die Anfänge

Die Anfänge

Bereits in den 1980er Jahren finden sich in der DDR privat und unter dem Dach der Kirchen nichtstaatliche Frauengruppen zusammen, um politische Veränderungen anzustoßen, gegen die militärische Aufrüstung zu protestieren und über die eigene Rolle in der Gesellschaft nachzudenken.[1] Die daraus entstehenden Frauenfriedensgruppen, Lesbeninitiativen und feministisch-theologischen Kreise bilden die Basis für den am 3. Dezember 1989 in der Berliner Volksbühne gegründeten Unabhängigen Frauenverband (UFV). Über tausend Frauen nehmen an der Veranstaltung teil. „Wer sich nicht wehrt, kommt an den Herd“ mahnt ein Spruchband die Ankommenden. Das Motto der Gründungsversammlung lautet „Ohne Frauen ist kein Staat zu machen“.[2] Und diesen Leitgedanken gilt es durchzusetzen, denn selbst die neuen Bürger*innenbewegungen entpuppen sich als frauenfeindlich, wenn es um Machtansprüche geht. So müssen alle Frauengruppen vehement um ihre politische Beteiligung an der Neuordnung des untergehenden Staates kämpfen.

Werbebutton des Unabhängigen Frauenverbandes für die Volkskammerwahl im März 1990 © Jeanette Toussaint

Es folgt ein euphorischer Aufbruch: Fast 50 Frauengruppen und –Projekte zählt die DDR im Februar 1990, wie ein in dieser Zeit gedrucktes Faltblatt des UFV bekundet. Dazu gehört die Unabhängige Initiative Potsdamer Frauen (UIPF). Die Impulse zu deren Entstehung kommen wie in vielen Orten aus kirchlichen Kreisen. Dörte Wernick, angehende Pfarrerin, regt unter anderem in der Frauengruppe der Friedrichskirchen-gemeinde Babelsberg am 27. November 1989 an, „etwas für Frauen in Potsdam [zu] tun“, wie sich Elfi Wiedemann, eine der späteren Mitglieder der Fraueninitiative erinnert.[3] Die Gründung des Unabhängigen Frauenverbandes in Berlin zeigt: Es ist höchste Zeit, sich für die eigenen Rechte stark zu machen. Geeignete Räume findet Dörte Wernick in der Ausbildungsstätte für Gemeindepädagogik in der Johannes-Dieckmann-Allee 5/6 (Alleestraße), an der sie studiert hat. Deren Rektorin Mechthild Holtermann genehmigt die geplante Veranstaltung. Das ist nicht selbstverständlich. Die Grenzen sind zwar seit dem 9. November offen, aber die DDR existiert noch und damit auch der Geheimdienst, der alle Aktivitäten der Ausbildungsstätte überwacht.[4] Das Schwanken zwischen Unsicherheit und Aufbruch lassen auch die Tagebuchnotizen von Beate Müller, Mitinitiatorin der UIPF und Studentin der Gemeindepädagogik, vom November 1989 erkennen: „Heute war wieder ein Tag voller Ereignisse. Erst ein Arbeitstreffen im Praktikum, dann zu einer Demo nach Potsdam. Es gab viel Polizeipräsenz […]. Dann haben wir das Treffen für Frauen weiter vorbereitet. Es bleibt viel Anspannung, wer wird kommen und wie viele, wird die Polizei auftauchen, werden wir auffliegen? Ich bin so neugierig, wie dieser Abend verlaufen wird, was werden wir zusammentragen? Es fühlt sich an wie ein Neubeginn von etwas Großem, und es fühlt sich mutig an, weil ich nicht weiß, wo die Reise hinführt. Ich glaube die nächsten Wochen werden den Weg zeigen, wir sind gemeinsam unterwegs. […] Schlaf kommt wie schon seit Wochen viel zu kurz. Aber all diese Intensität, diese revolutionäre, mutige, diskussionsreiche Zeit gibt wohl die Energie und Kraft.“ [5]

Dieser Neubeginn soll am 10. Dezember starten. Über das Ziel heißt es auf Flugblättern und in Tageszeitungen wie der Märkischen Volksstimme: „Dieses Treffen ist eine Möglichkeit, daß wir Frauen aus der Vereinzelung herauskommen, uns gegenseitig stärken, um dadurch Fraueninteressen in der Gesellschaft wirksamer vertreten zu können. Für diesen Sonntag kleine, wichtige Schritte: kennenlernen, zuhören, verabreden, informieren und natürlich Kaffee trinken. Wie es mit diesem Anliegen nach diesem Sonntag weitergehen soll, bestimmen die Frauen, die kommen.“

Das Flugblatt gestaltet Dörte Wernick zusammen mit Pfarrer Martin Kwaschik von der Erlöserkirche, der über ein Gerät verfügt, mit dem man Ormig-Vorlagen erstellen kann. Vervielfältigt werden sie in der Ausbildungsstätte, die dank einer Partnereinrichtung im Westen einen passenden Drucker besitzt. Unterstützung leisten die Gemeindepädagogik-Studentinnen Beate Müller und Jule Grefe. Auch Almut Hoffmann und Cornelia Wüstling helfen; beide sind darüber hinaus mit Dörte Wernick im evangelischen Arbeitskreis Solidarische Kirche aktiv.[6]

Die Informationszettel befestigen die Frauen an Bäumen und bringen sie bei Veranstaltungen unter die Leute. Dörte Wernick bleibt in diesem Zusammenhang die Kundgebung des Neuen Forum vom 2. Dezember 1989 am Karl-Liebknecht-Forum eindrücklich im Gedächtnis. Es berührt sie, ein plötzliches Leuchten in den Augen der Frauen zu sehen, die ihr Flugblatt lesen. Ihre Gedanken dazu hält sie noch am selben Tag unter der Frage fest „Was ist es wert, eine Frau zu sein?“

Otto-Nagel-Club im Potsdamer Stadtteil Waldstadt, 1989 Gründungsort der Unabhängigen Initiative Potsdamer Frauen (Ausschnitt), 2000 © Archiv Breitband e.V., Foto: ONC

Auf das Treffen am 10. Dezember 1989 wird unterschiedlich zurückgeblickt. Zwischen zehn und 100 Frauen sollen in die Johannes-Dieckmann-Allee gekommen sein. Ein festes Programm wird nicht geboten. Elfi Wiedemann, Wissenschaftlerin am Potsdamer Zentralinstitut für Astrophysik und Mitunterzeichnerin des Aufrufes für das Neue Forum, berichtet über die Gründung des UFV, an der sie und Dörte Wernick teilgenommen haben.[7] Um miteinander ins Gespräch zu kommen und Themen auszuloten, gibt Dörte Wernick Satzteile in die Runde: „…wünscht sich eine mutige und erfrischende Frauenzeitung in der DDR“, „…ist mit ihrem Aussehen zufrieden“, „…kann auf Bemutterung des Mannes verzichten“ oder „…ist lieber mit Frauen zusammen“. So finden sich Gleichgesinnte zusammen und bereiten Arbeitsgruppen für das Gründungstreffen am 16. Dezember vor. Heiderose Gerber, damals Dramaturgin bei der DEFA, tritt an diesem Tag der Gruppe Frauenzentrum bei. Den Nachmittag empfindet sie heute so: „Inspirierend. Da waren ganz viele Frauen und es war […] ein sehr zielorientiertes Treffen. Also ich erinnere mich, dass es gleich konstruktiv zur Sache ging.“[8] Parallel dazu beginnt die Suche nach geeigneten Räumen für ein Frauenzentrum. In der Potsdamer Innenstadt plant eine Bonner Initiative den Ausbau eines Hauses, hat aber noch keinen Verwendungszweck. „Den haben wir! Frauenhaus“ schreibt Dörte Wernick an Almut Hoffmann am 14. Dezember.[9] Doch daraus wird erstmal nichts.

Am 16. Dezember 1989 rufen dann 34 Frauen im Otto-Nagel-Club in Waldstadt die Unabhängige Initiative Potsdamer Frauen ins Leben.[10] Die ersten Arbeitsgruppen präsentieren sich: Frauenzentrum, Frauen in Beruf und Bildung, Frauen mit Kindern, Gewalt gegen Frauen, Auswirkungen der neuen Reisemöglichkeiten (AIDS, Drogen usw.). Die Grundsatzerklärung ist kämpferisch. Die Initiative sieht sich als Befreiungsbewegung, die patriarchalische Strukturen in der deutschen Gesellschaft beseitigen will. Sie knüpft an die Themen der nichtstaatlichen Frauenzusammenschlüsse in der DDR an und verortet sich in einem größeren Kontext: „Patriarchalische Herrschaftsformen in Politik und Wirtschaft haben unseren Erdball an den Rand eines militärischen und ökologischen Kollapses gebracht. Deshalb versteht sich diese Fraueninitiative als ein Teil von weltweiten Bewegungen gegen den ökologischen Tod der Erde, für Entmilitarisierung, gegen den Hunger in der Welt.“[11] Unabhängig meint: Die Initiative vertritt die Interessen von Frauen, nicht die von Parteien, Gruppierungen und Institutionen.

Für den Gründungsaufruf, der Anfang Januar 1990 an die Medien verschickt wird, definiert die Gruppe ihre Ziele: Oberste Priorität hat die umfassende rechtliche, soziale und individuelle Gleichstellung von Frauen.[12] Als Erfahrungshorizont bringen sie ihre DDR-Vergangenheit ein. Es existierten zwar bessere Rechtsgrundlagen für Gleichberechtigung, doch erwiesen sich die alten Rollenmuster als stabil. Seit dem Mauerfall verändert sich die Gesellschaft rasant, Frauenrechte und soziale Errungenschaften aus der DDR drohen verlorenzugehen. Es gilt, bereits Errungenes zu bewahren – wie das Recht auf Arbeit, Kindergartenplätze, Schulspeisung und straffreie Abtreibung ohne Zwangsberatung. Die wichtigsten, naheliegenden Aufgaben sind der Aufbau eines Frauenzentrums in Potsdam, in dem jede Frau Rat und Hilfe erhält und die Mitsprache in allen Gremien zu Themen, die Frauen betreffen. Als Kontaktfrau fungiert Ute Tröbner, Physiotherapeutin und zu diesem Zeitpunkt Hausfrau. Das Logo entwickelt Beate Müller.

Logo der Unabhängigen Initiative Potsdamer Frauen, Entwurf: Beate Müller

Struktur und Arbeitsweise der Fraueninitiative konzipiert Dörte Wernick. Sie greift auf die demokratischen Prinzipien des Arbeitskreises Solidarische Kirche zurück, was bedeutet: Konsensregelung statt Mehrheitsentscheidung, Aufbau von Basisgruppen im Wohngebiet, Projektgruppen, Koordinierungs- und Sprecherinnenrat, Treffen dieser Gruppen zweimal jährlich zur Vollversammlung. Zudem sollen bei Kooperationen mit anderen keine Verpflichtungen über gemeinsame Anliegen hinaus entstehen. In der Realität müssen die beschlossenen Praktiken angepasst werden, so ist zum Beispiel das Konsensprinzip nicht durchzuhalten. Auch Doppelfunktionen wie Sprecherin, Arbeitsgruppen- vertreterin und Büromitarbeiterin lassen sich aus personellen Gründen nicht vermeiden, obwohl dort eine Trennung vorgesehen ist.

Entwurf der zukünftigen Struktur der Unabhängigen Initiative Potsdamer Frauen von Dörte Wernick, Dezember 1989 © Jeanette Toussaint

Während sich in Potsdam die Unabhängige Initiative Potsdamer Frauen bildet, fährt Elfi Wiedemann am 16. Dezember 1989 zum Koordinierungstreffen des Unabhängigen Frauenverbandes nach Berlin, um weitere Schritte der Konstituierung mit zu planen.[13] Statut und Programm müssen im Verlauf des Januars geschrieben werden. Alle interessierten Frauengruppen sollen sich einbringen. Es ist ein kleiner Kreis aus der Initiative, der unter Hochdruck daran mitwirkt, darunter Beate Müller.[14] Die offizielle Konstituierung des UFV ist notwendig, um an der Volkskammerwahl teilnehmen zu können. Die soll am 18. März 1990 stattfinden, die UFV-Gründung am 17. Februar. Da bleibt denkbar wenig Zeit für Wahlkampf. Die Potsdamerinnen beantragen am 2. Januar 1990 die staatliche Anerkennung als Vereinigung. Doch den Frauen ist bewusst, dass es eines größeren Zusammenhanges bedarf, um ihren Forderungen Nachdruck zu verleihen. So ziehen sie einen Monat später den Antrag zurück, da sie zunächst als Untergruppe im UFV arbeiten wollen. Danach soll noch einmal über eine juristische Selbstständigkeit befunden werden.[15] Doch auch das wird verworfen, stattdessen treten die Frauen der Initiative im Frühjahr 1990 dem UFV bei.

Mitgliedskarte von Dörte Wernick für den Unabhängigen Frauenverband, 1. Juni 1990 © Jeanette Toussaint

 

Talk im Schloss Cecilienhof

Auf Anregung des Neuen Forum findet am 12. Januar 1990 Lea Roshs Fernseh-Talkshow „Freitagnacht“ im Schloss Cecilienhof statt. Am historischen runden Tisch, an dem 1945 das Potsdamer Abkommen die Nachkriegsordnung Europas beschloss, diskutieren nun Vertreter*innen aus verschiedenen Bereichen in Ost und West, darunter die Bürger*innenbewegung aus Potsdam, über die politische und wirtschaftliche Perspektive der DDR: Eberhard Jäckel (Historiker Universität Stuttgart), Otto Wolff von Amerongen (Unternehmer und Präsident des Deutschen Industrie- und Handelstages), Egon Bahr (Vorsitzender der Sicherheitspolitischen Kommission der SPD-West), Wolfgang Berghofer (stellvertretender Vorsitzender SED-PDS, Oberbürgermeister von Dresden), Michael Brie (Philosoph, Humboldt-Universität Berlin), Heinz Warzecha (Generaldirektor des VEB Werkzeugmaschinenkombinat „7. Oktober“ Berlin) sitzen den Mitgliedern der Potsdamer Oppositionsbewegung gegenüber: Jochen Wolf (SDP/SPD[16]), Carolin Lorenz (Demokratie Jetzt), Reinhard Meinel (Neues Forum), Saskia Hüneke (Grüne Liga/ARGUS), Konrad Polak (Demokratischer Aufbruch) und Björn Rugenstein (Vereinigte Linke). Dörte Wernick vertritt die Potsdamer Fraueninitiative. An einem kleinen runden Tisch etwas abseits sitzen Rolf Henrich (Mitgründer Neues Forum) und Gregor Gysi (Vorsitzender SED-PDS). Am Rande diskutieren Wolfgang Schnur (Vorsitzender Demokratischer Aufbruch) und Ibrahim Böhme (Geschäftsführer SDP/SPD) mit. Obwohl die Sendung mehr als zwei Stunden dauert, sind das Neue Forum als Initiator und die anderen Teilnehmenden der Bürger*innenbewegung selten zu hören und zu sehen, zu „gewichtig“ ist die geladene Runde.[17] Als Dörte Wernick für eine Quotierung plädiert, mit deren Hilfe Frauen ihre Erfahrungen in einer künftigen Demokratie einbringen können, schneidet ihr Lea Rosh das Wort ab und verweist auf ihre nächste Sendung, in der sie nur mit Frauen über solche Themen reden wird, und sie sei herzlich dazu eingeladen. Ute Tröbner und andere Gäste versuchen vergeblich, sich in die Diskussionsrunde einzuschalten, obwohl Mikrofone dafür bereitstehen.

Ihr erstes großes Treffen organisiert die UIPF am 28. Januar 1990 im Klub der Künstler und Architekten „Eduard Claudius“ in der Schloßstraße 14. Die Initiative möchte sich Potsdam-weit bekannt machen und weitere Engagierte werben. Dazu präsentiert sie einen Überblick über ihre bisherigen Aktivitäten und die bereits eingerichteten Arbeitsgruppen: Frauenzentrum, Mütter im Babyjahr, Selbsthilfegruppen und Therapien, Rentnerinnen, Frauen und Gewalt, Frauen in Beruf und Bildung, Auswirkungen der Reisemöglichkeiten (Drogen, Aids usw.), Frauenpolitik und Organisation, Frauen und Wehrdienst, Recht, Öffentlichkeitsarbeit und Informationen, Kontakte zu in- und ausländischen Frauengruppen. Auch sollen sich an diesem Tag weitere Gruppen finden, darunter zu den Aspekten Frauen in der Mitte des Lebens und Frauen in Geschichte und Kunst.[18] Für das Treffen stellt Dörte Wernick eine mehrseitige Informationsbroschüre aus Zeitungsartikeln der letzten Wochen und Texten eines Frauenkalenders zusammen, ergänzt durch Gedanken von Almut Hoffmann zur UIPF sowie Informationen zur Fraueninitiative und Kontaktadressen.

Treffen der Unabhängigen Initiative Potsdamer Frauen im Klub der Künstler und Architekten „Eduard Claudius“, auf dem Podium (v.l.n.r.): Brigitte Kirsten, Ute Tröbner, Elfi Wiedemann, Gisela Opitz, Dörte Wernick, 28. Januar 1990 © Jeanette Toussaint, Foto: Bernd Gurlt

 

Jule Grefe (rechts) – Leiterin der Arbeitsgruppe Frauen und Wehrdienst – auf dem Volksfest zur Abschaffung der Wehrpflicht auf dem Lustgarten in Berlin, 25. Februar 1990 © Juliane Müller

 

Wollen wir den Knast beleben?
Ein Büro im Haus für Alle

Die Suche nach eigenen Räumen hat im Januar 1990 Erfolg. Doch bis dahin war sie aufregend. Die Initiative wendet sich zunächst an die städtische Arbeitsgruppe Häuservergabe, die im Zuge der Auflösung des Ministeriums für Staatssicherheit (nun Amt für Nationale Sicherheit) im Dezember 1989 Räumlichkeiten für soziale Zwecke vermittelt.[19] Die UIPF plant ein Beratungs-, Kultur- und Bildungszentrum mit Café, Bibliothek und einer Notwohnung als Anlaufpunkt sowie einen Ort für Frauen, an dem sie sich ihrer Stärken bewusst werden und Selbstsicherheit trainieren können. Ein zweites Haus soll Frauen dienen, die vor häuslicher Gewalt fliehen müssen und vorübergehend Unterkunft benötigen. Der Traum von zwei getrennten Gebäuden erfüllt sich allerdings erst 2011.

Die Märkische Volksstimme kündigt am 20. Dezember 1989 an, es gäbe bereits vor Weihnachten Besichtigungstermine für städtische Objekte. Präzisierte Vorschläge von Antragstellern/innen sollen dann am 28. Dezember in städtischen Gremien diskutiert werden. Über diesen Zeitungsartikel erfährt Dörte Wernick auch von zwei Häusern, die der evangelischen Kirche rückübertragen werden sollen. Einen Tag später wendet sie sich an den Superintendenten Eginhard Schmiechen mit der Bitte um Überlassung eines dieser Gebäude, die vor 1945 vom Christlichen Verein Junger Männer genutzt wurden. Erfahrungsberichte aus den bisherigen Treffen der Fraueninitiative hätten gezeigt, „daß ein Schutzraum für Frauen, die Gewalt in der Partnerschaft erleiden, nötig ist.“ Das Ende ihres Briefes gestaltet sie in Anlehnung an das Kapitel „Jesus und die Kinder“ im Markus-Evangelium: „Es ist sicher ein Unterschied, daß für christlich jetzt unabhängig steht. Aber es wäre nicht unchristlich, wenn dem Beispiel Jesu gefolgt werden könnte, der die von den Jüngern zurückgewiesenen Frauen, die Kinder auf ihrem Arm trugen, entgegen allen religiösen Normen und Gepflogenheiten, zu sich rief. Heute würden wir dazu vielleicht sagen, er hat unkonventionell gehandelt.“[20] Die Antwort von Eginhard Schmiechen darauf ist nicht bekannt.
Auch an die Potsdamer Stadtverordnetenversammlung wendet sich Dörte Wernick im Namen der UIPF. In ihrem Schreiben erklärt sie die Notwendigkeit eines Frauenzentrums in der Stadt, dessen Aufbau durch ein künftiges Kuratorium und bittet um die Bereitstellung eines Hauses bzw. von Räumen für die anspruchsvollen Aufgaben.[21] Um dem Antrag Nachdruck zu verleihen, initiiert sie eine Unterschriftensammlung.

Ihr Ansinnen trifft auf Zustimmung, denn es knüpft an die Forderungen der Bürger*nnenbewegung nach zentral erreichbaren Räumen für die weitere Arbeit an. Am 11. Januar 1990 besichtigen Vertreter*innen der UIPF und anderer Vereinigungen und Parteien Büroräume im ehemaligen Untersuchungsgefängnis des Ministeriums für Staatssicherheit in der Otto-Nuschke-Straße 54/55 (Lindenstraße).[22] Bernd Blumrich, der die Gruppe an diesem Tag fotografisch begleitet, erinnert sich: „Die Führung durch dieses Haus hinterlässt bei den Beteiligten tiefes Entsetzen und den Wunsch, ihm schnellstmöglich eine neue Bedeutung zu geben, seine Türen für alle zu öffnen und einen zentralen Anlaufpunkt für die demokratischen Bewegungen zu schaffen, die allein in der Lage sind, die ‚Aufgaben der Gegenwart zu lösen’. So werden im Anschluss die Büro- und Verwaltungsräume nach Lage und Größe aufgeteilt. Dieser Teil des Treffens verläuft nicht ganz unproblematisch, denn die Bedeutung und Position einer Gruppe wird jeweils sehr unterschiedlich eingeschätzt.“[23] Die Fraueninitiative erhält die Zimmer 15 und 16 in der ersten Etage mit insgesamt 27 Quadratmetern, Schlüsselübergabe ist am 15. Januar.[24] Die Büroräume wirken dank der zurückgelassenen Einrichtung der Staatssicherheit trist und schäbig. Gestalterisches Geschick ist gefragt. Beim Rat der Stadt beantragt die UIPF später Möbel, Schreibmaschinen, Kopierer und Computer aus dem ehemaligen „materiell-technischen Bestand“ des MfS. Eine Anwältin aus Westberlin hilft mit einer Schreibmaschine und kostenlosen Rechtsberatungen.[25] Und ein Freund von Barbara Burkhardt, UIPF-Mitglied und damals Krankenschwester, bringt Kopierpapier vorbei.[26]

Brigitte Kirsten (3. von links) und Beate Müller (rechts) bei der Aufteilung der Räume für die neuen Parteien und Gruppierungen im ehemaligen Untersuchungsgefängnis des Ministeriums für Staatssicherheit der DDR in Potsdam, 11. Januar 1990 © Bernd Blumrich

Aushang der Unabhängigen Initiative Potsdamer Frauen mit Kontaktadressen und Sprechzeiten vom 22. bis 31. Januar 1990 © Beate Müller

 

 

 

 

 

 

 

 

Ute Tröbner erinnert sich noch an den Einzug ins „Lindenhotel“, wie der Volksmund das alte Gefängnis in Verbindung mit dem früheren Straßennamen Lindenstraße ironisch nennt – und das nun zum „Haus für Alle“ wird: „[…] da war noch alles wie’s war, als hätten die Stasileute das fluchtartig verlassen. Da stand noch der Safe drin, […] das Telefon funktionierte noch. […] Es war eine gruselige Atmosphäre […] Es war noch dieses Rotlicht auf dem Flur, die Toilette war verspiegelt, dass du von außen reingucken konntest […] Akten waren schon beiseitegeschafft, aber es waren noch Telefonnummernverzeichnisse und alles war noch da. Wir bekamen auch immer noch Anrufe: ‚Wir wollten noch den Genossen sowieso und so sprechen.’“[27]

Die Bürozeiten werden zunächst ehrenamtlich, teilweise gegen Aufwandsentschädigung abgedeckt, unter anderem von der damaligen Erziehungshelferin und UFV-Sprecherin Katherine Biesecke.[28] Sie erlebt dort auch die ersten Tage der offenen Tür. Das Interesse der Potsdamer Bevölkerung ist groß. Viele wollen wissen, was sich hinter der Fassade des Hauses verbirgt, dessen Bürgersteig über Jahrzehnte mit einem Holzzaun versperrt war und mit Video überwacht wurde. Katherine Biesecke erzählt: „Es stand unten auf der Straße eine riesen Schlange an, […] weil wir auch nur eine bestimmte Anzahl immer durchschleusen konnten. […] Das war ja ein relativ enges Haus, die mussten reinkommen und wieder rauskommen […] und was dann immer sehr bemerkenswert war oder auch sehr berührend war, dass […] sich schon Zeitzeugen einfanden, die von ihrer Zeit in dem Knast erzählt haben. […] das war alles überhaupt nicht aufgearbeitet oder begleitet und viele haben ja dann auch versucht, die Zellen zu finden, in denen sie untergebracht waren […] Oder haben dann vor den anderen schon ihre Geschichte berichtet. Ja, das hat sich mir sehr eindrücklich eingeprägt und ich finde das auch heute noch grandios, dass wir das damals gemacht haben. Das war ja ohne Konzept und […] ohne psychologische oder seelsorgerische Begleitung.“[29]

Erster Tag der offenen Tür im „Haus für Alle“ in der Otto-Nuschke-Straße 54/55, 20. Januar 1990 © Bernd Blumrich

Ab März 1990 können zwei Frauen für die täglichen Sprechzeiten beschäftigt werden. Das Büro managen fortan Ute Tröbner und Anke Lehmann, vormals Köchin in der Ausbildungsstätte für Gemeindepädagogik. Zu ihnen kommen nun auch tagsüber Menschen, die das Gefängnis von früher kennen. Ute Tröbner: „Und es kamen ganz viele Leute, die dort eingeknastet waren oder zum Verhör waren und […] haben uns auch viel erzählt darüber. Wir haben damals Gedächtnisprotokolle gemacht.[30] Aber es kamen auch welche, die bei der Stasi gearbeitet haben. Eine Frau war besonders. Die wollte sich dann auch so ein bisschen uns anschließen. […] Die kam sehr oft. Die ist uns ziemlich auf die Nerven gegangen, aber andererseits glaube ich, das war auch dieses schlechte Gewissen. Sie hatte diesem Regime gedient, und ich denke, sie wollte […] sich wieder freimachen von irgendwas. Sie hat uns viel erzählt über die Zusammenhänge, über die Akten und so […] Aber die hatte so gelitten unter dem, was sie getan hat, und deshalb haben wir sie auch nicht rausgeschmissen. Irgendwann ist sie dann nicht mehr gekommen.“[31]

Beate Müller assoziiert die ersten Monate im Büro mit: „Kaffeetassen, alle möglichen Arten von Getränken, Rauch, da wurde ja nicht draußen geraucht, […] endlose Diskussionsrunden und Kleingruppen und auch mal Stress und Streit […] Aber ansonsten war in diesem Raum einfach immer Power. Ich habe mich immer sehr gefreut, dahin zu fahren. […] sicherlich gab es auch Konkurrenz. Daran kann ich mich auch entsinnen, dass es immer mal Diskussionen gab […] um Präsenz in der Öffentlichkeit, wer macht das jetzt und wer zeigt sich und wie muss das sein. Da waren die Meinungen schon mal unterschiedlich.“[32] Im Januar/Februar 1990 notiert sie in ihr Tagebuch: „So viele verschiedene Frauen sind inzwischen zu uns gestoßen, so voller Power, Ideen, Wünschen und mit ganz unterschiedlichen, mir bisher teils auch fremden Lebenssituationen. Eine Nähe und Verbundenheit entsteht. Jede hat ihr Potential im Schreiben, im Organisieren, in der Gremienarbeit, in der Politik, im ganz Praktischen und so viel mehr. Einerseits scheinen das Studium und diese neue Zeit etwas ganz anderes zu sein, doch es gibt Verknüpfungen mit den Frauen der Theologie, die aufgestanden sind, mit den Menschen, die gekämpft haben und ihr Leben gaben für ein anderes gerechteres Miteinander. Es kommt in den Gedanken alles zusammen und wird wie ein Netz, das trägt und Gewissheit gibt. Wir sind auf einem wichtigen guten Weg, Zusammenhalt, Solidarität (wobei das Wort so DDR-lastig ist), den Blick für die Einzelne, Diskussionen, der Kampf für die Dinge, die uns wichtig sind, als Frauen gesehen und gehört zu werden und mitzugestalten. Es tun sich so viele Themen auf, wir müssen lauter werden. Was für eine Zeit – wo wird es uns hinführen?“[33]

Ursprünglich ist die Büro-Nutzung im „Haus für Alle“ bis Ende Juni 1990 befristet. Die neuen Gruppen und Parteien sollen hier ihre Teilnahme an der Volkskammerwahl am 18. März und an der Kommunalwahl am 6. Mai vorbereiten und sich dann nach neuen Räumen umsehen. Die Frauen diskutieren, ob sie das ehemalige Gefängnis mit Leben erfüllen sollen oder nicht. Ihre Meinungen gehen auseinander. Doch die Suche bleibt erfolglos und durch die Wahlkämpfe fehlt schließlich auch die Zeit dafür. Und so wird der Mietvertrag immer wieder verlängert. Zwischenzeitlich nutzt der 1992 gegründete Frauenpolitische Rat einen Raum. Ende 1994 zieht das Büro dann ins benachbarte „Grüne Haus“ in der Lindenstraße 53.

Für das Frauenzentrum aber findet sich im April 1990 ein Ort: die ehemalige Diabetikerzentrale in der Leninallee 189 (Zeppelinstraße). Der Vorschlag kommt von Christina Vierke, Mitarbeiterin für Stadtplanung und Stadtbaurecht der Stadt Potsdam.[34] Sie hatte zuvor die Grundbuchunterlagen studiert, um sicher zu sein, dass keine privaten Rückübertragungsansprüche für das Haus vorliegen. Es ist das erste Frauenzentrum im Bezirk Potsdam und könnte Modellcharakter bekommen für weitere im künftigen Land Brandenburg.[35] (Siehe auch in unserer Geschichte des Frauenzentrums)

Doch zunächst wird am 8. März 1990 der Internationale Frauentag gefeiert. Die Volkskammerwahl zehn Tage später schickt ihre Zeichen voraus. Bundesweit gehen Tausende für die Gleichstellung von Frauen und Männern auf die Straße. In Potsdam demonstriert die Fraueninitiative gemeinsam mit dem Demokratischen Frauenbund Deutschlands (DFD), dem Neuen Forum, dem Behindertenverband und Unterstützerinnen aus West-Berlin auf dem Platz der Nationen (Luisenplatz).[36] Für die UIPF sprechen Ute Tröbner und Gisela Opitz. Sie wenden sich gegen den Abbau von sozialen Rechten und fordern auf, alle Wahlprogramme auf den frauenpolitischen Gehalt zu prüfen.[37] Ein handgestaltetes Flugblatt trägt den Slogan „Nicht gegen Männer, aber für Frauen“ und ist Programm: Die Frauen wollen ihre Anliegen gemeinsam mit den Männern durchsetzen. Damit knüpfen sie an das Ziel der sozialistischen Frauenbewegung zum Ende des 19. Jahrhunderts an, mit ihren Genossen an der Seite die Gesellschaft verändern und die Gleichberechtigung der Geschlechter durchsetzen zu wollen. Das hat nicht funktioniert und das funktioniert auch nicht mit der ostdeutschen Bürger*innenbewegung, wie sich spätestens nach der ersten freien Volkskammerwahl herausstellen wird.
Mit ihren Forderungen orientiert sich die UIPF am Aufruf der lila offensive aus Berlin, den diese am 4. November 1989 bei der Demonstration auf dem Alexanderplatz verteilt hat.[38] Viele sind leider noch heute gültig, weil unerfüllt: Gleichstellung von Frauen und Männern, höhere Gehälter für frauentypische Berufe, gleiche Mitbestimmung in allen politischen und gesellschaftlichen Bereichen, soziale Sicherung von alleinerziehenden Frauen und Männern, mehr Männer in kinderorientierte Berufsfelder.
Nach der Demonstration lädt die UIPF in die Gaststätte „Orion“ im Wohngebiet „Am Stern“ ein, wo die Frauen bis in die Nacht hinein feiern.[39]

Bis April 1990 verzeichnet die Unabhängige Fraueninitiative rund 150 Mitglieder aus allen Alters- und Berufsgruppen.[40] Doch aktiv ist nur ein kleiner Kreis. Das spürt auch die Tanzpädagogin und Autorin Gabriele Grafenhorst und schreibt vor der Volkskammerwahl in der Märkischen Volksstimme: „Die Handvoll Aktivistinnen ist zunehmend gestreßt von Dauersitzungen an Runden Tischen, durch die Teilnahme an ungezählten Versammlungen und durch die berufliche Arbeit. Ideen gibt es viele, aber Zeit und Kraft fehlen. Und die Masse verharrt (noch?) im gewohnten Schweigen.“[41]

Durch die kommenden Wahlen – vier stehen im Jahr 1990 an – verschärft sich die Situation. Die im Frauenzentrum Aktiven arbeiten nicht mehr in der UIPF mit, denn das neue Projekt fordert ihre ganze Kraft. Die verbliebenen Frauen, etwa 25, organisieren Wahlkämpfe, sitzen in politischen Übergangsgremien und reagieren auf aktuelle politische Entwicklungen. Da bleibt keine Zeit für Zukunftsvisionen, Organisationsentwicklung, Fragen nach gemeinsamen Zielen oder ein besseres gegenseitiges Kennenlernen. Die Arbeit in den thematischen Gruppen nimmt ab. Die Spannungen und der Frust wachsen. Mitglieder werden verdächtigt, für die Stasi gearbeitet zu haben. Es gibt Ängste, vom Bundesnachrichtendienst und von ehemaligen SED-Mitgliedern „unterwandert“ zu werden. Auch ist der politische Erfolg der vielen Bemühungen nicht so groß wie erwartet.[42] Ein Supervisionswochenende Ende August 1990 soll helfen.

[1] Robert-Havemann-Gesellschaft, Archiv der DDR-Opposition, A/132 Potsdam/UFV-Büro + UIPF 1990, Briefe von/an UFV + UIPF: Schreiben von Anke Lehmann an die Supervisorin M.O. zur Vorbereitung eines gruppendynamischen Wochenendes, 5.6.1990.


[1] Ausführlicher: Annett Gröschner: Berolinas zornige Töchter. 50 Jahre Berliner Frauenbewegung. Berlin 2018, S. 224-232.
[2] Jessica Bock (2020): Das Umbruchsjahr 1990, in: Digitales Deutsches Frauenarchiv (https://www.digitales-deutsches-frauenarchiv.de/angebote/dossiers/30-jahre-geteilter-feminismus/das-umbruchsjahr-1990, 11.1.2021).

[3] Gabi Leopold: Ein Haus für Frauen, in: Märkische Volksstimme, 2.4.1990. Die Zahlenangaben schwanken. Auf dem Antrag der UIPF auf staatliche Anerkennung einer Vereinigung vom 2.1.1990 werden 200 angegeben. Vgl. RHG, A/132 Potsdam/Gründung Unabhängige Initiative Potsdamer Frauen. In einem Brief der UIPF an den UFV am 6.3.1990 sind es 113. Vgl. ebd., A/132 Potsdam/UFV-Büro + UIPF 1990 / Briefe von und an UFV + UIPF.
[2] Gabriele Grafenhorst: Bevor wir das Fürchten lernen, in: Märkische Volksstimme, 5.3.1990.
[3] Nach derzeitigen Recherchen sind die Gedächtnisprotokolle nicht überliefert.
[4] Interview von Jeanette Toussaint mit Ute Tröbner am 3.12.2019.
[5] Interview von Jeanette Toussaint mit Beate Müller am 28.1.2020.
[6] https://de.wikipedia.org/wiki/Arbeitskreis_Solidarische_Kirche (22.2.2021).
[7] Tagebuchauszüge aus dem Privatbesitz von Beate Müller.
[8] Interview von Jeanette Toussaint mit Christina Vierke am 8.10.2019.
[9] RHG, A 130 Kommission Frauenfragen, Bezirkstag Potsdam 1990.
[10] Gerlinde Grahn (Hg.): „Wir bleiben hier, gestalten wollen wir“. Der Runde Tisch im Bezirk Potsdam 1989/90 – Forum des gesellschaftlichen Dialogs. Nr. 10 der Schriftenreihe der Rosa-Luxemburg-Stiftung Brandenburg e.V. „Land Brandenburg in Geschichte und Gegenwart“. Schkeuditz 2006, S. 280; Erste Chronik der Arbeitsgruppe Frauenpolitik des NEUEN FORUM von Elfi Wiedemann.
[11] Brandenburgisches Landeshauptarchiv, 102 Plakate, A 181: Plakat der lila offensive mit handschriftlichen Ergänzungen durch die UIPF.
[12] Flugblatt der lila offensive. Kopie im Besitz der Autorin. S.a. https://lilaoffensive.de/chronologie.html (22.2.2021).
[13] Interview von Jeanette Toussaint mit Rosemarie Döhle am 26.9.2019.
[14] RHG, A/132 Potsdam/UFV-Büro + UIPF 1990 / Briefe von und an UFV + UIPF: Schreiben von UIPF an UFV am 6.3.1990; Interview von Jeanette Toussaint mit Elfi Wiedemann am 7.7.2020.
[15] Interview von Jeanette Toussaint mit Katherine Biesecke am 11.11.2019.
[16] Interview von Jeanette Toussaint mit Ute Tröbner am 3.12.2019.
[17] Edith Mende: Arbeitsgruppe der Stadt prüft Verwendung ehemaliger Gebäude des Amtes für Nationale Sicherheit, in: Märkische Volksstimme, 20.12.1989. Zur Suche nach Objekten, die vom MfS genutzt wurden und deren Vergabe siehe auch Peter Ulrich Weiß/Jutta Braun: Im Riss zweier Epochen. Potsdam in den 1980er und frühen 1990er Jahren. Berlin 2019, S. 287-297.
[18] Brief von Dörte Wernick im Namen der UIPF an Superintendent Schmiechen am 20.12.1989. Kopie im Besitz der Autorin; Markus-Evangelium, Kap. 10, 13-16.
[19] Brief von Dörte Wernick im Namen der UIPF an die Stadtverordnetenversammlung Potsdam am 20. und 21.12.1989. Kopie im Besitz der Autorin.
[20] Jutta Braun schreibt in Peter Ulrich Weiß/Jutta Braun, Im Riss zweier Epochen, auf S. 293 fälschlich, der UFV hätte Räume in der Lindenstraße 53 erhalten. Dieser zog jedoch erst im Dezember 1994 in das „Grüne Haus“. Vgl. RHG, A/132 Potsdam/Miete Büro.
[21] Bernd Blumrich, Linienuntreue, S. 125, 127.
[22] RHG, A/132 Potsdam/Miete Büro; Eintrag der Schlüsselübergabe in Dörte Wernicks Privatkalender.
[23] RHG, A/132 Potsdam/UFV-Büro + UIPF 1990 / Briefe von und an UFV + UIPF: Antrag der UIPF an Rat der Stadt Potsdam, Abt. Verkehr, 20.3.1990 und Dankbrief von Ute Tröbner an Gisela Ludewig, 18.5.1990; Ebd. A/132 Potsdam/UFV-Büro + UIPF 1991.
[24] Interview von Jeanette Toussaint mit Barbara Burkhardt am 15.7.2020.
[25] Die Sozialdemokratische Partei (SDP), am 7.10.1989 gegründet, nannte sich am 14.1.1990 in SPD um.
[26] Bernd Blumrich: Linienuntreue. Potsdam, Kleinmachnow und Teltow von 1989 bis 1990. Berlin 2007, S. 128. Kontakte zu Lea Rosh gab es bereits 1989 über den Potsdamer Friedenskreis, in dem auch Anhänger des Neuen Forum aktiv waren. Vgl. Reinhard Meinel/Thomas Wernicke, Mit tschekistischem Gruß, S. 58. Die Talkshow ist bei rbb media überliefert.
[27] Tagesordnung vom Treffen der UIPF am 28.1.1990 im Klub der Künstler und Architekten „Eduard Claudius“. Kopie im Besitz der Autorin.
[28] Erste Chronik der Arbeitsgruppe Frauenpolitik des NEUEN FORUM von Elfi Wiedemann.
[29] Privatbesitz Beate Müller: Statutentwurf UFV mit handschriftlichen Notizen, 5.1.1990; Anne Hampele Ulrich: Der Unabhängige Frauenverband. Ein frauenpolitisches Experiment im deutschen Vereinigungsprozeß. Berlin 2000, S. 88.
[30] Robert-Havemann-Gesellschaft, Archiv der DDR-Opposition (RHG), A/132 Potsdam/Gründung Unabhängige Initiative Potsdamer Frauen: Antrag der UIPF auf staatliche Anerkennung einer Vereinigung am 2.1.1990 und Mitteilung vom Rat der Stadt Potsdam Abt. Genehmigungswesen an UIPF, 2.2.1990.
[31] Interview von Jeanette Toussaint mit Elfi Wiedemann am 7.7.2020.
[32] Interview von Jeanette Toussaint mit Heiderose Gerber am 7.1.2020.
[33] Mitteilung von Dörte Wernick an Almut Hoffmann am 14.12.1989. Kopie im Besitz der Autorin.
[34] Adressenliste vom Treffen am 16.12.1989. Kopie im Besitz der Autorin.
[35] Grundsatzerklärung der Unabhängigen Initiative Potsdamer Frauen (UIPF) vom 16.12.1989. Kopie im Besitz der Autorin.
[36] Gründungsaufruf der UIPF vom 18.12.1989. Kopie im Besitz der Autorin.
[37] Erste Chronik der Arbeitsgruppe Frauenpolitik des NEUEN FORUM Potsdam, Mitte 1990 von Elfi Wiedemann zusammengestellt. Kopie im Besitz der Autorin.
[38] Reinhard Meinel/Thomas Wernicke (Hg.): Mit tschekistischem Gruß. Berichte der Bezirksverwaltung für Staatssicherheit Potsdam 1989. Potsdam 1990, S. 59/60.
[39] Tagebuchauszüge von November 1989, Privatbesitz Beate Müller.

[42] Robert-Havemann-Gesellschaft, Archiv der DDR-Opposition, A/132 Potsdam/UFV-Büro + UIPF 1990, Briefe von/an UFV + UIPF: Schreiben von Anke Lehmann an die Supervisorin M.O. zur Vorbereitung eines gruppendynamischen Wochenendes, 5.6.1990.

Kapitel 2: Politische Mitbestimmung

Politische Mitbestimmung

Es ist ein überschaubarer Kreis von Frauen, der sich anfangs in die Unabhängige Initiative Potsdamer Frauen (UIPF) einbringt. Dörte Wernick schreibt am 21. Dezember 1989 in ihrem Rundbrief an die Mitglieder: „Inzwischen gibt es verschiedene Ebenen, wo neue Gruppen mitreden können. Ob dies überall sinnvoll ist, kann noch nicht eingeschätzt werden. Bis zum großen Frauentreffen [am 28. Januar 1990] werden sich die Frauen der kleinen Runde diese Arbeit entsprechend ihrer Zeit und ihrem Zutrauen aufteilen. Aber Hinweise, Vorschläge zu: Runder Tisch-Stadt/Runder Tisch-Bezirk, Rat für Volkskontrolle […] an Ute Tröbner.“[1]

Runder Tisch des Bezirkes

Die Runden Tische

Nach dem Vorbild des zentralen Runden Tisches der DDR, der sich am 7. Dezember 1989 in Berlin konstituiert, diskutieren auf Bezirks-, Stadt-, Kreis- und Gemeindeebene Vertreter*innen bestehender und neu gegründeter Parteien, Organisationen und Vereinigungen über die weitere Entwicklung des Landes. Sie senden Resolutionen und Handlungsempfehlungen an die Regierung sowie an kommunale Gremien. Die Sitzungen sind öffentlich. Der Runde Tisch des Bezirkes Potsdam tagt vom 20. Dezember 1989 bis zum 9. Mai 1990; der Runde Tisch der Stadt Potsdam vom 13. Dezember 1989 bis zum 3. Mai 1990.

Seit dem 20. Dezember 1989 nimmt die Fraueninitiative am Runden Tisch des Bezirkes Potsdam Platz, hauptsächlich vertreten durch Dörte Wernick und ab Frühjahr 1990 durch Beate Müller.[2] Vierzehntägig steht hier die Zukunft des Bezirkes im Mittelpunkt. Das inhaltliche Spektrum reicht von geplanten Verwaltungs- und Wirtschaftsreformen über die künftige Länderstruktur bis hin zu Neofaschismus, Bildungs- und Energiefragen.[3] Auch ein neues Wahlrecht soll erarbeitet werden. Für die politischen Neulinge aus der Bürger*innenbewegung bedeutet das, sich in kurzer Zeit Wissen zu einer breiten Themenpalette anzueignen. Sie können sich für die Vorbereitungen freistellen lassen, doch vieles müssen sie trotzdem neben Beruf und Ausbildung bewältigen.[4] Schließlich bereiten sachbezogene Arbeitsgruppen einzelne Punkte zur Erörterung in den Sitzungen vor.

Sitzung des Runden Tisches des Bezirkes, vorn links Brigitte Kirsten, rechts neben ihr Dörte Wernick, Januar 1990 © MAZ, Foto: Michael Hübner

 

Die Vertreterinnen der UIPF bringen ihren Sachverstand vor allem zur künftigen Frauenpolitik ein. Sie stellen eine Reihe von Anträgen auf sozialpolitische Maßnahmen, etwa um Arbeitsplätze zu erhalten, eine gerechtere Entlohnung durchzusetzen, Altersarmut zu vermeiden und um Chancen einer gleichberechtigten Kinderbetreuung von Eltern auszuloten.[5]

Der zweite wichtige Bereich ist der Aufbau von staatlichen Strukturen, um die Rechte von Frauen zu schützen und neue gesetzlich zu verankern. Der Unabhängige Frauenverband (UFV) hat sich bereits am zentralen Runden Tisch für die Etablierung von Gleichstellungsbeauftragten stark gemacht. Seine Forderungen gehen in die Koalitionsverhandlungen zur Regierungsbildung ein, die nach den Volkskammerwahlen am 18. März 1990 stattfinden.[6] Erste „Beauftragte für die Gleichstellung von Mann und Frau“ in der DDR wird im Mai 1990 Marina Beyer, Biologin und Mitgründerin des Pankower Friedenskreises. Nun sollen Bezirke und Kommunen folgen. In der Stadt Potsdam tritt im Juni 1990 die Sozialdemokratin Angelika Thiel dieses Amt an.[7] Nachfolgerin wird 1995 ihre Mitarbeiterin Helga Schulte.[8]

Bezirkstag Potsdam

Im obersten Organ des Bezirkes – grob vergleichbar mit dem heutigen Landtag – befinden bis zu 200 Abgeordnete über die Belange des Bezirkes Potsdam. Viermal im Jahr tagt das Gremium. Seine Beschlüsse können nur von der Volkskammer revidiert werden. Die hauptsächliche inhaltliche Arbeit findet in ständigen oder zeitlich befristeten Kommissionen statt. Die Bezirkstage werden zum 31. Mai 1990 aufgelöst. Bis zur Bildung des Landes Brandenburg am 14. Oktober 1990 übernimmt eine Bezirksverwaltungsbehörde die Aufgabenbereiche, geleitet durch einen Regierungsbevollmächtigten.

Über den Runden Tisch des Bezirkes beantragt die UIPF im Januar 1990 gemeinsam mit dem Demokratischen Frauenbund (DFD) erfolgreich die Bildung einer Ständigen Kommission für Frauenfragen und Gleichstellung beim Bezirkstag Potsdam.[9] Diese soll den Bezirkstag und den Rat des Bezirkes bei allen frauenpolitischen Entscheidungen kontrollieren und beraten. Die Zusammenarbeit mit dem bis dahin staatskonformen DFD in dieser Angelegenheit ist eine Kompromisslösung. Noch im Dezember 1989 hatte dessen Bezirksvorsitzende Eva Preuß gegenüber dem Leiter des Runden Tisches, Generalsuperintendent Günter Bransch, sich von der UIPF abgegrenzt und ihre Bitte um Teilnahme an den Sitzungen so begründet: „An Gesprächsrunden des Unabhängigen Frauenverbandes nahmen Mitglieder unserer Vorstände teil und [wir] können somit sagen, dass wir uns nicht durch ihn vertreten fühlen.“[10] Doch der Frauenbund steckt in einer Krise und muss sich neue Bereiche suchen und Anerkennung sichern. Die Potsdamer Fraueninitiative kann wiederum mit Unterstützung des DFD ihren Forderungen bei den „alten“ Abgeordneten mehr Nachdruck verleihen.

Die Ständige Kommission Frauenfragen trifft sich ab Mitte Februar 1990, sie wird von vier thematischen Gruppen unterstützt: Arbeitsmarkt und soziale Absicherung; Wissenschaft, Bildung, Kultur und Forschung; Gewalt, Sexismus, Rassismus sowie Recht und Vergleich der Rechtssysteme. In ihnen agieren Vertreterinnen der alten Parteien und Organisationen mit der Bürger*innenbewegung gemeinsam.[11] Die UIPF repräsentieren Gabriele Grafenhorst (Autorin), Susanne Lang (Hausfrau), Angelika Pohl (Projektantin), Dagmar Röhrig (EDV-Organisatorin[12]), Christina Vierke (Vermessungsingenieurin), Ulrike Helmreich (Krankenschwester), Johanna Lesch (Kabarettistin), Bettina Saar (Forschungsingenieurin) und Christa Sagner (Psychologin). Elfi Wiedemann, ebenfalls in der Fraueninitiative aktiv und zugleich Mitglied im Neuen Forum, gehört der Arbeitsgruppe Wissenschaft, Bildung, Kultur und Forschung an. Die Kommission löst sich bereits Ende Mai 1990 zusammen mit dem Bezirkstag auf.[13]

Auch der 1990 geschaffene Ratsbereich für Gleichstellungsfragen beim Rat des Bezirkes ist der UIPF und dem DFD zu verdanken.[14] Die künftigen Mitarbeiterinnen sollen die Abteilung Frauen und Gleichstellung im späteren Land Brandenburg strukturell und inhaltlich vorbereiten und ein neues Landesrecht mit auf den Weg bringen.[15] Da es gilt „optimale politische Rahmenbedingungen“ zu schaffen, also alte Seilschaften und ideologische Einengungen durch SED und DFD zu vermeiden, beantragt die Fraueninitiative am 14. Februar 1990 die Führung des Ratsbereiches.[16] Leiterin und spätere Bevollmächtigte für Gleichstellungsfragen wird am 8. März Erika Wald. Ihr zur Seite stehen zwei Mitarbeiterinnen und eine Sekretärin.[17] Erika Wald, ehemalige Diplomstaatswissenschaftlerin, ist seit dem 16. Dezember 1989 Mitglied der Unabhängigen Fraueninitiative. Sie war zuvor im Bezirksvorstand des ostdeutschen Gewerkschaftsbundes FDGB in der Abteilung Feriendienst tätig.[18] Nun gehört sie dem Rat des Bezirkes an, der aus 22 Abgeordneten besteht, darunter drei Frauen.[19] Wie sich bereits im Sommer zeigt, ist ihr frauenpolitisches Wirken kaum wahrnehmbar. Doch schlagen alle Versuche fehl, sie abzulösen.[20] Erst im Zuge der Länderbildung im Oktober 1990 und dem anschließenden Aufbau des brandenburgischen Ministeriums für Arbeit, Soziales, Gesundheit und Frauen verliert sich ihre Spur.

Die einzige Frau unter den am 11. Juli 1990 neu ernannten Ressortleitern der Bezirksverwaltungsbehörde Potsdam ist Erika Wald, Bevollmächtigte für Gleichstellungsfragen © Märkische Volksstimme, 12. Juli 1990, Foto: Pein

 

Provisorischer Regionalausschuss Berlin – Arbeitsgruppe Frauenpolitik

Regionalausschuss Berlin

Der provisorische Regionalausschuss für die Region Berlin (Hauptstadt der DDR), Berlin West und die Bezirke Potsdam und Frankfurt/Oder, wie er offiziell heißt, konstituiert sich am 22. Dezember 1989. Er besteht aus Mitgliedern der beiden Regierungen, des Berliner Magistrats und Senats sowie der Bezirke Potsdam, Frankfurt/Oder und später Cottbus. Die Region nimmt durch die Teilung seit dem Mauerbau 1961 eine Sonderrolle ein. Der Ausschuss befasst sich in 15 Arbeitsgruppen mit der lokalen Entwicklung und richtet Empfehlungen an die jeweils fachlich zuständigen Verwaltungsstellen.

Im provisorischen Regionalausschuss Berlin ist die Unabhängige Initiative Potsdamer Frauen in der Arbeitsgruppe IV Frauenpolitik präsent.[21] Diese zählt 16 Mitglieder (mitunter nehmen mehr teil, jedoch ohne Stimmrecht) und ist ost-west-paritätisch besetzt. Daher teilen sich Carola von Braun, Frauenbeauftragte der Berliner Senatsverwaltung für Frauen, Jugend und Familie, und Erika Wald als Leiterin des Ratsbereiches für Gleichstellungsfragen des Bezirkes Potsdam den Vorsitz. Elfi Wiedemann und Rosemarie Döhle vertreten die Fraueninitiative. Ein erstes Treffen, um mögliche Themen auszuloten, findet am 8. Februar 1990 im Klub der Künstler und Architekten „Eduard Claudius“ in Potsdam statt. Rosemarie Döhle erinnert sich: „13 Frauen waren aus Westberlin angereist. Sie waren sehr interessiert an dem was wir vorhatten und versicherten uns noch mal jede Unterstützung. Ich glaube es war für beide Seiten sehr spannend, denn es hatte ja 40 Jahre keine Kontakte gegeben.“[22] Dem folgt die erste reguläre Sitzung am 1. März 1990, offiziell konstituiert sich der Ausschuss am 28. März. Das ist im Vergleich zu den anderen Arbeitsgruppen recht spät, erklärt sich jedoch durch das Fehlen adäquater frauenpolitischer Verwaltungsstrukturen in der DDR. Diese sind gerade im Aufbau begriffen oder als Interimslösung angelegt.

Die Arbeitsgruppe IV tritt vom 28. März bis 8. Juni einmal monatlich zusammen. Auf den ganztägigen Sitzungen berichten die Teilnehmerinnen der Berliner Senatsverwaltung für Frauen, Jugend und Familie über ihre Erfahrungen mit gleichstellungspolitischen Maßnahmen. Auf dieser Grundlage diskutieren die Mitglieder Empfehlungen für den Aufbau von frauenpolitischen Verwaltungsstrukturen im künftigen Land Brandenburg sowie Arbeitsmarkt- und Frauenförderungsprogramme. Im April 1990 gehört dazu der Vorschlag, ein Gleichstellungsreferat einzurichten und dieses in der neuen Kommunalverfassung zu verankern.[23] Das Prozedere – das auf die Übernahme „westlicher“ Strukturen in der DDR auch auf diesem Gebiet zielt – ist lang und umständlich, denn alle Vorschläge müssen je nach Schwerpunkt noch mit den anderen 14 Arbeitsgruppen des Regionalausschusses abgestimmt werden. Umgekehrt gilt dieses Verfahren nicht, obwohl Frauenpolitik eine Querschnittsaufgabe ist, also jeden Bereich betrifft. Proteste der Arbeitsgruppe IV helfen da nicht.[24] 
Um die Vorgänge zu vereinfachen, bereiten sechs Expertinnenrunden die Empfehlungen vor: Arbeitsmarkt und soziale Absicherung; Vergleich der Rechtssysteme; Gewalt, Sexismus, Rassismus; Wissenschaft, Bildung, Kultur; Wohnungs- und Stadtplanung sowie Frauenpolitik. Kritisiert wird, dass die Expertinnen ihr Wissen ehrenamtlich zur Verfügung stellen sollen. Aus den Unterlagen geht nicht hervor, ob das geändert wurde.

Die Wirkungen der Beschlüsse am Runden Tisch des Bezirkes und der Arbeit im Regionalausschuss lassen sich schwer beurteilen. Dörte Wernick meint, der Runde Tisch habe der „Befriedung“ zwischen alten und neuen Parteien und Bewegungen gedient und dazu beigetragen, Eskalationen zu verhindern. „Seine Funktion bestand darin, dass miteinander gesprochen wurde und kein Vakuum entstand.“ Außerdem sei sie mit Vertreterinnen und Vertretern anderer Parteien und der Staatsorgane in Kontakt gekommen, mit denen sie vorher keine Berührungspunkte hatte.[25]
Auf jeden Fall gelingt es innerhalb dieser Gremientätigkeit, Ansätze frauenpolitischer Strukturen zu schaffen, die nach der Länderreform im Oktober 1990 in die Zuständigkeit der Gleichstellungsbeauftragten übergehen. Für die Demokratisierung der DDR und als politische Lehrstunden sind die Sitzungen auf jeden Fall sinnvoll. Konkreten Widerhall findet der Antrag der UIPF am Runden Tisch vom 25. April 1990: Er richtet sich an den Ministerrat der DDR und fordert, das 1:1 tauschbare Sparguthaben der Rentner*innen bei der geplanten Währungsreform am 1. Juli 1990 höher anzusetzen.[26] Tatsächlich können Menschen ab 60 schließlich 6.000 statt 4.000 Mark ohne Verlust umtauschen.

Die Unabhängige Fraueninitiative will ursprünglich auch im Potsdamer Bürgerkomitee „Rat der Volkskontrolle“ dabei sein, das erstmals am 6. Dezember 1989 zusammenkommt. Es überwacht die Auflösung des Ministeriums für Staatssicherheit in Potsdam und weiterer staatlicher Institutionen. Dafür haben die Mitglieder ebenfalls einen Runden Tisch gebildet und ein Bürgerbüro eröffnet. Der gegen Ende Dezember 1989 gestellte Antrag auf Mitwirkung wird vom Bürgerkomitee ebenso abgelehnt wie die Gesuche von Grüner Partei und Grüner Liga. Man wolle die Parität zwischen alten und neuen Parteien, Organisationen, Initiativen und der evangelischen Kirche wahren, heißt es.[27] Immerhin darf die Fraueninitiative beobachtend teilnehmen.

 


[1] Rundschreiben der UIPF, 21.12.1989. Kopie im Besitz der Autorin.
[2] Protokolle des Runden Tisches in: Robert-Havemann-Gesellschaft, Archiv der DDR-Opposition (RHG), A 130 Runder Tisch des Bezirkes Potsdam 1989/90 und Gerlinde Grahn (Hg.): „Wir bleiben hier, gestalten wollen wir“. Der Runde Tisch im Bezirk Potsdam 1989/90 – Forum des gesellschaftlichen Dialogs. Nr. 10 der Schriftenreihe der Rosa-Luxemburg-Stiftung Brandenburg e.V. „Land Brandenburg in Geschichte und Gegenwart“. Schkeuditz 2006. Einschätzung der Arbeit des Runden Tisches, wenn auch unter Ausblendung der Aktivitäten der UIPF in: Peter Ulrich Weiß/Jutta Braun: Im Riss zweier Epochen. Potsdam in den 1980er und frühen 1990er Jahren. Berlin 2019, S. 315-323. Die Protokolle des Runden Tisches der Stadt Potsdam sind nach Auskunft des Stadtarchivs vom 4.3.2021 nicht überliefert. Für die Teilnahme der UIPF waren nominiert: Ilona Schünemann, Ute Grimm und Hannelore Rieper. Vgl. Protokoll der UIPF, 5.1.1990. Kopie im Besitz der Autorin.
[3] Protokoll der ersten Sitzung des Runden Tisches des Bezirkes Potsdam, 20.12.1989, zitiert in: Gerlinde Grahn, Wir bleiben hier, S. 117.
[4] Beschluss des Ministerrates der DDR zur Unterstützung der Arbeit des Runden Tisches vom 21.12.1989. Privatbesitz Beate Müller. Kopie im Besitz der Autorin.
[5] Antrag vom 17. Januar 1990. Mehr zum Regionalausschuss: BLHA, Rep. 401 RdB Pdm Nr. 37552; Gerlinde Grahn, Wir bleiben hier, S. 131-141.
[6] Erinnerungen von Rosemarie Döhle an die AG Frauenpolitik im Regionalausschuss Berlin, undatiert. Kopie im Besitz der Autorin.
[7] Vorlage für die Sitzung der AG Frauenpolitik des Provisorischen Regionalausschusses am 23./24.4.1990: Beschlussempfehlung im Rahmen der Erarbeitung einer Kommunalverfassung, 11.4.1990. Kopie im Besitz der Autorin.
[8] Protokoll über die Sitzung der AG Frauenpolitik des Regionalausschusses, 18.4.1990; Schreiben der AG Frauenpolitik an die Senatskanzlei, 22.5.1990. Kopien im Besitz der Autorin.
[9] Gespräch von Gerlinde Grahn mit Dörte Wernick am 19.4.2005, abgedruckt in: Gerlinde Grahn, Wir bleiben hier, S. 112-114.
[10] Ebd., S. 235.
[11] Gisela Rüdiger/Gudrun Rogall: Die 111 Tage des Potsdamer Bürgerkomitees „Rat der Volkskontrolle“ 1989/90. Brandenburgische Historische Hefte 20. Brandenburgische Landeszentrale für politische Bildung (Hg.). Potsdam 2009; zur Ablehnung der Aufnahme S. 27.
[12] Die Gründung erfolgte am 12.2.1990. Es ist die 18. Ständige Kommission beim Bezirkstag. Vgl. Brandenburgisches Landeshauptarchiv (BLHA), Rep. 401 Nr. 14056, Protokoll der 17. Tagung des Bezirkstages am 12.2.1990. Zur Behördengeschichte vgl. Lothar Person (Bearbeiter): Bezirkstag und Rat des Bezirkes Potsdam 1952-1990 (Rep. 401). Quellen, Findbücher und Inventare des Brandenburgischen Landeshauptarchivs 30. Berlin/Bern/Brüssel etc. 2014 (https://beckassets.blob.core.windows.net/product/preamble/14411926/9783631651247_intro_005.pdf, 4.3.2021).
[13] Der DFD wurde zunächst nicht an den Runden Tisch des Bezirkes eingeladen. Vgl. Gerlinde Grahn, Wir bleiben, S. 121.
[14] Das waren: DFD, Liberal-Demokratische Partei (LDP), CDU, National-Demokratische Partei Deutschlands (NDPD), PDS, FDGB, Demokratische Bauernpartei Deutschlands (DBD), UIPF, SPD, Neues Forum, Demokratischer Aufbruch und Demokratie Jetzt. Vgl. BLHA, Rep. 401 Nr. 14056: Protokoll der 17. Tagung des Bezirkstages, 12.2.1990; RHG, A 130 Kommission Frauenfragen, Bezirkstag Potsdam 1990; Archiv des Frauenzentrums Potsdam: Mitgliederliste der Ständigen Kommission „Frauenfragen und Gleichstellung“, 21.3.1990 und Beschlussentwurf über die Änderungen in der Zusammensetzung der Kommission, 26.3.1990.
[15] Elektronische Datenverarbeitung.
[16] BLHA, Rep. 401 RdB Pdm Nr. 21764: Schreiben des Regierungsbevollmächtigten der Bezirksverwaltungsbehörde Potsdam an Gabriele Grafenhorst, 4.7.1990.
[17] Der gemeinsame Antrag stammt vom 31.1.1990.
[18] Gerlinde Grahn, Wir bleiben hier, S. 150, 155, 164. BLHA, Rep. 401 RdB Pdm Nr. 21764: Schreiben des Regierungsbevollmächtigten der Bezirksverwaltungsbehörde Potsdam an die Bevollmächtigte für Gleichstellungsfragen am 29.6.1990 und ebd. Nr. 22900/7: Verfügung über die Annahme der Entscheidungsvorlage über Aufgaben und Befugnisse der Bevollmächtigten für Gleichstellungsfragen, 5.9.1990
[19] Gerlinde Grahn, Wir bleiben hier, S. 167.
[20] Alexandra Rau als Büroleiterin, Martina Masuch, die wie Erika Wald kurzzeitig in der UIPF engagiert war und Gerda Franze als Sekretärin.
[21] BLHA, Rep. 401 RdB Pdm Nr. 14335: Protokoll der Sitzung des Rates des Bezirkes am 28.2.1990.
[22] Protokoll über die Sitzung der AG Frauenpolitik des Regionalausschusses, 18.4.1990. Kopie im Besitz der Autorin.
[23] RHG, A/132 Potsdam/UFV-Büro + UIPF 1990 / Briefe von und an UFV + UIPF: Brief der UIPF an den Regierungsbevollmächtigten des Bezirkes Potsdam, 15.6.1990 und Antwort von der Bezirksverwaltungsbehörde/Personalabteilung, 21.6.1990.
[24] Gerlinde Grahn, Wir bleiben hier, u.a. S. 166/167, 177, 213, 235.
[25] https://deutsche-einheit-1990.de/ministerien/mfff/gleichstellung/ (1.3.2021).
[26] Ursula Köhler: Frauenpolitik nicht nur Sache der Frauen allein, in: Märkische Volksstimme, 21.7.1990. Kurzlebenslauf in: Jeanette Toussaint: Ein Besen für mutige Frauen. Siebenundzwanzig Gesichter und ein Preis. Potsdam 2016, S. 42/43 Hier fälschlich Mai als Antrittsdatum angegeben.
[27] Jeanette Toussaint, Ein Besen für mutige Frauen, S. 44/45.

Kapitel 3: Wahlen und Auflösung des UFV

Der Wahlmarathon 1990

Volkskammerwahl (18. März 1990)

Nach Verhandlungen zwischen dem Zentralen Runden Tisch in Berlin und der DDR-Regierung wird am 29. Januar 1990 beschlossen, die ursprünglich für Mai geplanten Volkskammerwahlen auf den 18. März vorzuverlegen.[1] Im Zuge der Demokratisierung können erstmals nicht nur Parteien, sondern auch Listenvereinigungen antreten. Eine Fünfprozent-Hürde gibt es nicht. Für die Vorbereitung bleibt wenig Zeit. Die Oppositionsbewegung muss schnell eine geeignete Infrastruktur schaffen und sich im Wahlkampf üben. Startkapital kommt aus öffentlichen Mitteln.

Der Unabhängige Frauenverband (UFV) verabschiedet Mitte Februar sein Statut und das Programm und verhandelt mit potentiellen Bündnispartnern/innen: Das Bündnis 90 lehnt eine gemeinsame Liste ab – ein Frauenverband könnte Wählerstimmen kosten. Schließlich tritt der UFV mit der Grünen Partei als Liste 16 an. Selbstbewusst halten sich die Frauen an den Beschluss des Runden Tisches, keine Wahlkampfhilfe aus der Bundesrepublik anzunehmen. Ihr Credo: Ostfrauen kennen ihre Vergangenheit, ihre Probleme und ihre Bedürfnisse. Daher können sie selbst ihre Interessen am besten vertreten.[2] Mit viel Power organisieren die zum UFV gehörigen Gruppen republikweit Demonstrationen, erobern sich den Frauentag als politische Veranstaltung zurück (der in der DDR zum betrieblichen Kaffeenachmittag mit offiziellen Blumengeschenken verkommen war) und sind bei vielfältigen Aktionen präsent. Der UFV lässt einen Werbespot produzieren und macht mit eigenwilligen Frauenfiguren auf Plakaten seine Forderungen sichtbar. Hauptspektakel ist die „grün-lila Karawane“, die am 3. März mit drei geschmückten Kleinbussen der Marke Barkas in Berlin startet und zwölf Tage von Nord nach Süd durchs Land zieht. Über Lautsprecher und mit viel Musik verkünden die Spitzenkandidaten/innen in 21 Orten ihr Programm, das unter anderem Quotierung, flächendeckende Kinderbetreuung, Gleichstellung der Lebensformen und Recht auf Abtreibung umfasst.[3]

Dagegen erhalten ehemalige Blockparteien der DDR, deren Nachfolger oder Neugründungen wie die Sozialdemokratische Partei Wahlkampfhilfe aus dem Westen. In Potsdam treten so diverse „Importe“ auf: am 3. März 1990 Eberhard Diepgen (CDU), am 11. März Willi Brandt (SPD) und der CDU/CSU-Fraktionsvorsitzende im Bundestag, Alfred Dregger (als Zugpferd der „Allianz für Deutschland“).[4]

Spitzenkandidatin des UFV in Potsdam ist auf Listenplatz 2 Ute Rohn-Tröbner, auf Platz 4 und 5 folgen die Neuruppinerinnen Anke Spinola, Wirtschaftskauffrau und Pfarrerin und Petra Torjus, Industriekauffrau, Rinderzüchterin und Sachbearbeiterin.[5]

 

 

Regionale Rundfunkanstalten unterstützen den UFV bei seinem Wahlkampf. Im Sender Potsdam gewährleisten eine Sonderredaktion und ein am Runden Tisch des Bezirkes gegründeter Hörfunkrat die chancengleiche Berichterstattung.[6] Für die Unabhängige Initiative Potsdamer Frauen (UIPF), die sich dem DDR-weit agierenden UFV angeschlossen hat, sitzt die Krankenschwester Barbara Burkhardt in diesem Gremium.

Um Wahlfälschungen wie im Mai 1989 zu verhindern, wirken die neuen Parteien und Bündnisse an der Organisation und Durchführung der Stimmabgabe mit. Aus der UIPF werden als Stützpunktleiterinnen für Potsdam/Stadt die Altenpflegerin Lea Edelmann und die Floristin Jeanette Toussaint eingesetzt.[7]

 

Das Wahlergebnis ist aus Sicht der engagierten Frauen enttäuschend. Republikweit gehen CDU und SPD als Siegerinnen hervor, in Potsdam sind es die SPD und die Partei des Demokratischen Sozialismus (PDS), wie die SED nun heißt. Die Mehrheit der DDR-Bevölkerung entscheidet sich damit für die wirtschaftliche und politische Vereinigung beider deutscher Staaten – die CDU mit ihrer „Allianz für Deutschland“ hatte sie zum zentralen Wahlkampfthema erklärt. Das Bündnis Grüne Partei/UFV erhält in Potsdam 3 Prozent, im Land Brandenburg 2,15 Prozent, DDR-weit 2 Prozent.[8] Nach den Wahlen zerbricht dieses Miteinander, denn die acht Volkskammermandate werden ausschließlich von den Grünen besetzt – und das, obwohl sich die Partei selbst als feministisch bezeichnet.[9] Die Ursache liegt jedoch auch im Wahlgesetz: Während der Bündnisverhandlungen standen landesweit einheitliche Listen zur Debatte, durch die alle vorderen Listenplätze Chancen auf ein Mandat gehabt hätten. Die Grüne Partei beanspruchte Platz 1, der UFV Platz 2. Das am 20. Februar verabschiedete Gesetz sah dann aber 13 Bezirkslisten vor. Da die bereits verhandelte Reihenfolge der Kandidaten/innen übernommen wurde, stand nun auf keiner Bezirksliste eine UFV-Frau ganz oben. Und die zweiten Listenplätze konnten aufgrund der geringen Stimmenanteile kein Mandat erringen. Nur der freiwillige Verzicht der Grünen hätte den UFV in die Volkskammer verholfen.[10] Einzig Tatjana Böhm, UFV-Mitgründerin und von Februar bis April Ministerin ohne Geschäftsbereich in der Regierung Modrow, arbeitet von Juni bis Oktober 1990 in der Volkskammerfraktion Bündnis 90/Grüne mit. Sie wird 1992 Referatsleiterin im brandenburgischen Ministerium für Arbeit, Soziales, Gesundheit und Frauen.[11]

Nach den Volkskammerwahlen machen sich in der Fraueninitiative erste Risse bemerkbar. Anke Lehmann, UIPF-Mitglied und im Büro der Initiative angestellt, beschreibt 1992 in einem Bericht für den UFV-Bundeskongress die schwierige Zeit: „Die ersten stiegen aus, gingen zur SPD, weil sie sich da bessere Chancen, auf die politische Situation einzuwirken, versprachen. Es entstanden Posten und Pöstchen im Zusammenhang mit der Länderbildung, es gab Konkurrenz statt Zusammenarbeit, erste Intrigen, die Arbeit von Themengruppen wurden von einzelnen Frauen benutzt, um Jobs zu bekommen, daraufhin fühlten sich die inhaltlich arbeitenden Frauen betrogen…“[12]

Kommunalwahl (6. Mai 1990)

Die kurz darauffolgenden Kommunalwahlen am 6. Mai verschärfen die Probleme. Seit der Auflösung des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS) verbreiten sich Gerüchte, einige Mitglieder der Unabhängigen Initiative Potsdamer Frauen hätten dort mitgearbeitet. Das ist zu dieser Zeit schwer zu beweisen und kann zum Rufmord werden. Damit das Thema nicht den Wahlkampf beeinflusst, bittet die UIPF DDR-Innenminister Peter-Michael Diestel, die zur Wahl nominierten Kandidatinnen durch einen unabhängigen Untersuchungsausschuss überprüfen zu lassen.[13] Eine Antwort darauf ist nicht überliefert, doch wurde die Bitte mit Sicherheit abgelehnt, wie ein Beispiel aus dem brandenburgischen Briesen nahelegt: Hier hatte der Runde Tisch der Gemeinde seinen Bürgermeister aufgefordert, alle Kandidaten/innen der künftigen Gemeindevertretung auf eine MfS-Verstrickung hin zu überprüfen. Die Bezirkswahlkommission Cottbus verwies jedoch auf den Beschluss des DDR-Ministerrates vom 8. Februar 1990, wonach nur Betroffene einen solchen Antrag stellen dürfen.[14]

SPD und CDU gewinnen die Wahl. Stärkste Kraft in Potsdam wird die SPD mit 31,96 Prozent, gefolgt von der PDS mit 26,52 Prozent. Der Frauenverband erhält 0,6 Prozent, das sind 1.389 abgegebene Stimmen.[15] 115 Abgeordnete sind gewählt worden, darunter 47 Frauen. Eine von ihnen ist Gisela Opitz von der Potsdamer Fraueninitiative.

Im Juni 1990 wählt die neue Stadtverordnetenversammlung Angelika Thiel, SPD-Mitglied und spätere Staatssekretärin im Ministerium für Arbeit, Soziales, Gesundheit und Frauen, zur ersten Gleichstellungsbeauftragten der Stadt.[16]

Trotzdem sinken die Mitgliederzahlen in der Unabhängigen Fraueninitiative Potsdam. Laut Bericht von Ute Tröbner, der zweiten Mitarbeiterin im UIPF-Büro, an den UFV-Dachverband in Berlin vom 31. Mai 1990 engagieren sich hier 26 Frauen, im Frauenzentrum sind es 15.[17] Sie deutet auch die Probleme der Zeit an: Die Frauen kommen mit unterschiedlichen Interessen und Anliegen in die Gruppe. Ein konzentriertes zukunftsorientiertes Handeln ist nicht möglich, weil sie auf die sich ständig ändernde gesellschaftliche Situation reagieren muss. Das führt zu spontanen, aber kaum konzeptionell durchdachten Aktionen. Und weil es an Mitgliedern mangelt, sind auch nicht alle Arbeitsgruppen aktiv. Daher wirbt die UIPF in der Presse um neue Mitstreiterinnen.

In all dem Trubel schickt die EMMA-Redaktion der Fraueninitiative unaufgefordert Jahreskalender und Zeitschriften zum Verkauf. Doch der läuft schleppend, denn: wer kauft schon im Sommer einen halb abgelaufenen Kalender.[18] Aber es treffen auch hilfreiche Sendungen ein: Die Parlamentarische Staatssekretärin für die Gleichstellung von Frau und Mann in Düsseldorf übermittelt Bücher über das Rechtssystem der Bundesrepublik und zu Gleichstellungsfragen.[19]

Landtagswahl (14. Oktober 1990)

Potsdam gehört seit dem 3. Oktober 1990 zum neu gebildeten Land Brandenburg. Bereits im Vorfeld hatte der UFV-Koordinierungsrat in Erfurt beschlossen, keine DDR-weiten Büros einzurichten, sondern pro Bundesland einen Standort für die Vernetzung der Aktivitäten zu schaffen und zu stärken.[20] Potsdam ist nun für ganz Brandenburg zuständig. Die Aufgaben der Mitarbeiterinnen weiten sich: Sie verfassen und senden Informationsbriefe an die Frauengruppen, bereiten Mitgliederversammlungen und Landeskoordinierungsräte vor, planen Aktionen, vertreiben Informationsbroschüren des UFV-Bundesverbandes zu frauenpolitischen Themen und fungieren ab Sommer 1990 als zentrales Wahlbüro, denn: Die neuen Landtage sollen sich konstituieren und so ist bereits am 14. Oktober 1990 die nächste Wahl. Im Einvernehmen mit den meisten Brandenburger Frauengruppen führt das Potsdamer Büro die Bündnisverhandlungen. Anke Lehmann und Katherine Biesecke treffen sich mehrfach mit Vertretern/innen von Demokratie Jetzt, der Grünen Partei, des Neuen Forum und des Seniorenschutzbundes „Graue Panther“. Zentral für ein mögliches Zusammengehen sind deren Haltung zur Quotierung, zum Abtreibungsparagraphen 218 und zu frauenspezifischen Inhalten in den Wahlprogrammen, die zudem sprachlich klar die weibliche Perspektive einbeziehen sollen.[21] Die Erfahrungen sind ernüchternd, wie dem Rundschreiben des Landesverbandes der Grünen an ihre Kreisverbände am 15. August und einem Rundbrief der Fraueninitiative vom nächsten Tag zu entnehmen sind: „Das Auftreten von Vertretern des Neuen Forums und Demokratie Jetzt gegenüber unseren Vertreterinnen strotzte zeitweise von Arroganz und Nichtachtung, Beschimpfungen und persönliche Beleidigungen blieben dabei nicht aus. Der Vorwurf der Inkompetenz von Frauen wurde ständig gebracht, besonders auffällig wurde dies, als es um Themen wie Quotierung und Gleichberechtigung der Bündnispartner ging. […] Die Aussagen der Bürgerbewegungen zur Thematik des § 218 blieben sehr unkonkret. Personelle und Listenfragen fanden in den Reihen vom Neuen Forum und Demokratie Jetzt den Vorrang, was sich zu einem Ungleichgewicht zuungunsten der programmatischen Diskussion auswuchs.“[22] Der UFV tritt schließlich gemeinsam mit der Grünen Partei und dem Seniorenschutzbund auf Liste 7 an. Es gilt, die Fünfprozent-Hürde zu meistern. Direktkandidatinnen des UFV sind die Buchautorin Gabriele M. Grafenhorst für Potsdam und Christel Heise für Nauen, zu dieser Zeit kommissarische Kreis-Katechetin in der Potsdamer Nikolai-Kirchengemeinde. In diesem Zusammenhang sprechen sie auch mit dem Spitzenkandidaten der SPD, Manfred Stolpe, über seine geschlechterpolitische Haltung und die Pläne der Partei, eine aktive Frauenpolitik zu betreiben. Dabei unterbreiten sie das Angebot des UFV, im neuen Frauenministerium unter Regine Hildebrandt mitzuwirken.[23]

 

Doch insgesamt sind die UFV-Frauen im Land ausgepowert. Das zeigt ein Brief der Initiative Frau und Familie aus Blankenfelde vom August 1990 an den UFV des Landes Brandenburg, als es um dessen kurzfristige Autorisierung als Wahlkampfbüro geht und um Vorschläge für weitere Spitzenkandidatinnen: „Nun wieder alles ganz eilig und schnell. Ich bzw. unsere Frauengruppe sieht unseren Inhalt nicht darin, ständig, also so wie bisher das ganze Jahr, ganz schnelle Entscheidungen zu treffen, betreffs ständiger Wahlen. Für uns war es ganz wichtig, für die Kommunalwahlen aktiv zu werden und da haben wir es geschafft, ein Mandat und seitdem stellen wir eine Abgeordnete in unserem Hauptausschuß + die Gleichstellungsbeauftragte. Weiterhin machen wir in vielen Ausschüssen mit usw.“[24] Außerdem komme die Ausländer- und Gleichstellungsbeauftragte des Kreises Zossen aus ihren Reihen. Sie seien insgesamt 15 aktive Frauen, zu wenig für die neuen Aufgaben, daher könnten sie keine Kandidatin stellen.

Der Einzug in den Landtag scheitert an der Fünfprozent-Klausel, 2,84 Prozent stimmen für das Bündnis UFV/Grüne/Senioren, wobei die offiziellen Statistiken nur die Grünen nennen.[25] Aber immerhin hat Brandenburg nach dieser Wahl mit 20,45 Prozent die höchste Frauenquote in den Landtagen der neuen Bundesländer: 18 Frauen unter 88 Abgeordneten. Schlusslicht ist Thüringen mit 13,48 Prozent.[26]

In der Auswertung des Wahlkampfes mit den Grünen resümieren die Potsdamer UFV-Frauen, es habe an Informationsmaterial zu frauenspezifischen Positionen gefehlt. Auch sei die Verteilung von Wahlkampfprogrammen und Plakaten ungenügend vorbereitet gewesen. Die Kommunikation zu geplanten Aktionen habe sich als unzureichend herausgestellt, sodass der UFV eigene Veranstaltungen – mitunter sehr kurzfristig und somit kostentreibend – organisieren musste, was nun zusätzlich das Wahlkampfbudget belaste.[27]

Bundestagswahl (2. Dezember 1990)

Nur rund eineinhalb Monate später folgt die Bundestagswahl. Spitzenkandidatin des UFV-Landesverbandes ist die Diplom-Psychologin Sylvia Kühne von der Herzberger Fraueninitiative. Doch sie zieht ihre Bewerbung zurück. Den Platz nimmt recht kurzfristig Christina Schenk (heute Christian Schenk) ein, die zunächst als Spitzenkandidatin von Bündnis 90/Die Grünen für Thüringen vorgesehen war. Doch anders als vereinbart, hatte sie vom dortigen Landesverband der Grünen nicht die notwendige Unterstützung erhalten.[28]

Der schnelle Personalwechsel zieht für den UFV-Landesverband Brandenburg kurzfristige Wahlkampfaktionen nach sich. Das Bündnis erringt in den neuen Bundesländern sechs Prozent. Christina Schenk vertritt nun den UFV im Bündnis 90/Die Grünen – die Nennung des UFV wird jedoch von der Bundestagsfraktion abgelehnt.

Für eine weitere Wahl tritt der UFV-Dachverband nicht an. Seine Mitgliederzahl sinkt ebenso wie die der Ortsgruppen und anderer Bürger*innenbewegungen: von 3.000 Frauen im Februar 1990 auf etwa 1.050 Anfang 1991.[29] Der UFV beschließt auf einem Sonderkongress im September 1991 in Weimar, sich in einen politischen Verein umzustrukturieren. Hintergrund ist der Einigungsvertrag zwischen der DDR und der Bundesrepublik vom 31. August 1990, nach dem sich politische Vereinigungen bis zum 3. Oktober 1991 dem bundesdeutschen Recht anzupassen haben und entscheiden müssen, ob sie künftig als Partei oder in einer anderen Rechtsform existieren wollen.[30]

Die Mitarbeiterinnen des UFV-Landesbüros Brandenburg, Ute Tröbner und Anke Lehmann, versuchen derweil, die wenigen noch aktiven Frauen zu vernetzen. Sie informieren über die frauenpolitische Entwicklung im Land und über Berufsfördermaßnahmen – das größte Problem ist die weiterhin steigende Arbeitslosigkeit der Frauen. Sie wollen über Ziele, Strukturen und die Entwicklung des Landesverbandes diskutieren und zum Erfahrungsaustausch motivieren.[31] Doch das Engagement der Mitglieder lässt nach. Viele sind inzwischen in lokalen Frauenprojekten aktiv, in Bundes- und Landesministerien angestellt oder nach abgeschlossener Ausbildung oder Umschulung weggezogen. Daher schlägt Ute Tröbner im April 1991 in einem Rundbrief vor, die noch aktiven Frauen mögen sich dem Frauenzentrum anschließen, damit nicht auch diese Initiative an Kraft verliert.[32] Mitte Dezember 1991 schreibt Ute Tröbner, die ihre Stelle im Büro aufgibt, an das UFV-Bundesbüro: „Das Potsdamer Büro arbeitet – auch wenn Ihr es nicht glaubt. Es arbeitet an der Umgestaltung und sogar recht erfolgreich! Es arbeitet auch an der Gewinnung neuer Frauen, denn die Frauen aus unserer Anfangszeit sind längst in Projekte eingestiegen. […] Eine Gruppe des UFV gibt es in Potsdam nicht mehr. […] Wir hätten die Möglichkeit, neue Räume zu bekommen und sollten nach meinem Dafürhalten auch eine ‚Erhaltungsarbeit‘ mit einer Frau fortsetzen. Damit meine ich, präsent sein und Verbindungen halten. Ich glaube, daß auch wieder eine Zeit kommt, in der Frauen sich politisch engagieren. Ein Lernprozeß wird uns diesbezüglich nicht erspart bleiben. Auch manche Auseinandersetzung wird geführt werden müssen und der Begriff der Autonomie erarbeitet und verwirklicht.“[33]

Landtagswahl (11. September 1994)

Vier Jahre später tritt der UFV-Landesverband Brandenburg ein letztes Mal zur Landtagswahl an. Ute Tröbner ist die Spitzenkandidatin, ihr zur Seite steht Elke Jacob, Fotografin und Animationsassistentin und seit Frühsommer 1994 UFV-Mitglied. Sie strebt jedoch keinen vorderen Listenplatz an. Ein Wahlbündnis ist nicht zustande gekommen, aber der UFV kann sich auf einen Platz in der offenen Liste von Bündnis 90/Die Grünen bewerben. Dafür erhält Ute Tröbner die Unterstützung der Landesarbeitsgemeinschaft der Bündnis-Frauen, in der sie Mitglied ist.[34] Im Rückblick sagt sie: „Wir hatten das Ziel, den UFV in Brandenburg wieder ins politische Geschehen zu rücken. Wir wollten Einfluß nehmen und wir wußten, daß wir es mit unseren GRÜNEN- und Bündnis-Freunden nicht leicht haben würden. Klar aber auch, mit weniger als Platz 5 lassen wir uns nicht abspeisen.“[35] Das klappt auch. Elke Jacob erhält Platz 11.

Mit dem Wahlkampf beginnen sie gleich nach dem bundesweiten Frauenstreik, der am 8. März stattfindet. Sie touren durchs Land und stellen ihr Programm an Infoständen vor. Mitunter begleitet sie Johanna Lesch vom Potsdamer Kabarett Obelisk. Während sich Ute Tröbner der Diskussion stellt, agiert die Kabarettistin als Wahrsagerin der politischen Zukunft.[36] Johanna Lesch hatte sich bereits im Frühjahr 1990 in der Fraueninitiative engagiert und vertrat diese sowohl in der Ständigen Kommission „Frauenfragen und Gleichstellung“ beim Rat des Bezirkes als auch in der AG Wissenschaft, Bildung, Kultur und Forschung vom Runden Tisch des Bezirkes Potsdam.[37]

 

Ute Tröbner beim Wahlkampf auf der Brandenburger Straße in Potsdam, 8. September 1994 © IMAGO, Foto: Detlev Konnerth

Das Bündnis kommt nicht über die Fünfprozent-Hürde. Ute Tröbner resümiert danach in der Zeitschrift weibblick: „Der Beschluß, zur Wahl anzutreten, kam in Brandenburg schlecht vorbereitet und kurzfristig zustande. Wir hatten keinerlei Absprache getroffen, wie wir uns in diversen Entscheidungsfragen verhalten wollten oder sollten. Wir Kandidatinnen (Frauen, die von sich aus bereit waren, den Streß aber auch den Rummel um ihre Person auf sich zu nehmen und mit denen sich die anderen Frauen aus Loyalität oder warum auch immer einverstanden erklärten) reisten allein zur Listenaufstellung der GRÜNEN nach Frankfurt/O. und entschieden bis zuletzt nach unserem Gusto. […] Doch was hätte ich real umsetzen können? Hätte überhaupt irgendetwas anders ausgesehen, wenn die Grünen mit uns im Rucksack den Hürdenlauf bestanden hätten? Was hätte eine Frau des UFV im Brandenburger Parlament mehr bewirken können, als deutlich zu machen, es gibt den Unabhängigen Frauenverband! Und wäre ich als solche überhaupt ins öffentliche Bewußtsein gedrungen? Noch heute werde ich als Grüne angesehen, denn schon im Wahlkampf nahm kaum jemand Notiz davon, daß ich für den UFV kandidierte. Wieviel Unterstützung ich von meinen Mitkandidatinnen bekommen hätte, kann ich schließlich auch nur mutmaßen. Wie die Arbeit mit anderen Fraktionen ausgesehen hätte – alles unbekannte Größen. Für die Grünen bedeutet dieser Wahlausgang vier Jahre Zeit, sich mit sich zu beschäftigen – und für uns? Gelegentlich neue Kräfte zu sammeln, vielleicht neue Mitstreiterinnen zu finden und auch unsere Zielrichtung zu überdenken. Wir sollten die Zeit nutzen!“[38]

Auflösung des UFV

Bereits 1992 kommen die UFV-Landesbüros auf den Prüfstand. Dem Bundesverband fehlen die Finanzen: Es gäbe Bemühungen, die Arbeit über ABM-Maßnahmen weiterzuführen. Sollte dies scheitern, muss die Anzahl der zu erhaltenden Bürostellen geklärt werden. Laut eines Kostenvoranschlages wäre der Verband Mitte 1993 pleite, sollte er ab Juli 1992 je eine Länderstelle und vier Bundesstellen finanzieren. In den Fokus gerät das Potsdamer Büro, weil dessen Tätigkeit als unzureichend angesehen wird. In einem Rundschreiben des UFV-Bundesverbandes an alle UFV-Initiativen im Land Brandenburg heißt es: „Uns interessiert also, inwieweit ein Landesbüro von Seiten der UFV-Gruppen und Einzelfrauen im Land dringend benötigt wird, und wenn ja, mit welcher Kompetenz, Verantwortlichkeit und Aufgabenstellung es arbeiten soll. Daraus ergibt sich auch die Frage, ob möglicherweise weiterhin eine Ganztagsstelle zu finanzieren ist bzw. die Arbeit auch von einer halbtags arbeitenden Frau oder ehrenamtlich erledigt werden könnte. Wir bitten Euch in diesem Zusammenhang auch, Euch mit der bisherigen Arbeit des Brandenburger UFV-Büros in Potsdam auseinanderzusetzen, da der Eindruck, den wir von außen haben es uns fraglich erscheinen läßt, ob der finanzielle Aufwand für die bisherige Arbeitsweise gerechtfertigt ist. Da dies aber ein Eindruck aus der Ferne ist, bitten wir Euch um eine Stellungnahme dazu.“ [39] Die Antworten sind nicht überliefert. Aber es ist davon auszugehen, dass sich die Brandenburgerinnen für den Erhalt aussprechen, denn das Büro besteht zunächst weiter und wird von Anke Lehmann geführt.

Doch die Zukunft des UFV bleibt ungesichert. Daher debattieren die Mitglieder über mögliche Umstrukturierungen. Ergebnis: Ende 1994 soll allen Landesbüros gekündigt werden. Real findet die Auflösung Ende Juni 1995 statt. Den Ländern bleibt es überlassen, ihre Büros aus Eigenmitteln am Leben zu erhalten. Potsdam bekommt jedoch keine Rückendeckung von den wenigen noch aktiven Frauen in Brandenburg.[40] So bestätigt der Landeskoordinierungsrat in seinen Sitzungen am 17. Dezember 1994 in Ruhlsdorf und am 17. Juni 1995 in Wansdorf die Auflösung des Potsdamer Büros. Insbesondere die Wittstocker UFV-Gruppe entzieht Anke Lehmann ihr Vertrauen und spricht sich aufgrund geringer Außenwirkung und fehlender Finanzierung durch den UFV gegen die Weiterführung als Landeskoordinierungsbüro aus.[41]

Am 13. Juli 1995 gründen Ute Tröbner, Elke Jacob und Dorothea Hohn die Regionalgruppe Unabhängige Initiative Potsdamer Frauen.[42] Sie wollen mit den verbliebenen Geldern des Landesbüros den Versuch starten, noch einmal politische Frauenarbeit zu etablieren. Das gelingt nicht, denn die erste Unabhängige Initiative Potsdamer Frauen hatte sich 1990 nicht als Verein registrieren lassen, sodass die Beträge rechtmäßig an den Bundesverband fließen. Daher löst sich das UFV-Landesbüro Brandenburg am 31. Oktober 1995 endgültig auf.[43] Der Bundesverband folgt im Sommer 1998.

Rückblickend sagt Ute Tröbner: „[…] wir waren am Strand und eine Woge hat uns ergriffen, dann waren wir drin und mussten schwimmen. Aber gewusst, wie es geht, haben wir nicht. Und wir haben trotzdem wahnsinnig viel erreicht. Dass muss man auch sehen. […] der [Frauenverband] hat ja lange wirklich gut gearbeitet und was daraus auch hervorgegangen ist, zum Beispiel diese Zeitschrift […] ‚weibblick’ […], wir hatten jemanden im Parlament. […] Wir schauen zurück und können nur sagen, wir haben trotz […] unserer Erfahrungs- und Ahnungslosigkeit unglaublich was auf die Beine gestellt.“[44]

Und es gibt bis heute Vereine, die aus den ersten Fraueninitiativen hervorgegangen sind, so wie das Frauenzentrum Potsdam, der UFV Halberstadt, der Unabhängige Frauenverband Brandenburg oder Dornrosa in Halle.[45]


[i] Bundesarchiv, DA 3/10: Sitzungsprotokoll des Zentralen Runden Tisches vom 28.1.1990, Vorverlegung der Wahl unter Punkt 10: https://deutsche-einheit-1990.de/wp-content/uploads/BArch-DA3-10.pdf (3.5.2021).

[ii] Brunhild Friedels Statement zur Frage nach Wahlkampfrednerinnen aus der BRD, in: Wahl 90. In eigener Sache – Unabhängiger Frauenverband. Studiogespräch mit Vertreterinnen des UFV in Vorbereitung der ersten freien Volkskammerwahlen, 26.2.1990. Fernsehbeitrag im Deutschen Rundfunkarchiv, Archivnr. 060802.
[iii] Anne Hampele Ulrich: Der Unabhängige Frauenverband. Ein frauenpolitisches Experiment im deutschen Vereinigungsprozeß. Berlin 2000, S. 191; meck: Grün-Lila-Karawane auf Wahlkampftour, in: taz. Die Tageszeitung, 2.3.1990 (https://taz.de/Gruen-Lila-Karawane-auf-Wahlkampftour/!1778111/, 4.5.2021).
[iv] Gerlinde Grahn (Hg.): „Wir bleiben hier, gestalten wollen wir“. Der Runde Tisch im Bezirk Potsdam 1989/90 – Forum des gesellschaftlichen Dialogs. Nr. 10 der Schriftenreihe der Rosa-Luxemburg-Stiftung Brandenburg e.V. „Land Brandenburg in Geschichte und Gegenwart“. Schkeuditz 2006, S. 33, 280. Die „Allianz für Deutschland“ bestand aus: CDU, Deutsche Soziale Union (DSU), Demokratischer Aufbruch (DA).
[v] Brandenburgisches Landeshauptarchiv (BLHA), 401 RdB Pdm 20719: Wahlvorschlag Grüne Partei/UFV vom 26.2.1990. Anke Spinola arbeitet als Pfarrerin, seit 2004 ist sie für die Potsdamer Gemeinden Golm, Grube und Bornim zuständig. Petra Torjus wird im Herbst 1990 (als eine der ersten in Brandenburg) Gleichstellungsbeauftragte von Neuruppin. Sie ist 1991 Mitbegründerin des dortigen Vereins „Frauen für Frauen“, der unter anderem ein Frauenhaus aufbaut.
[vi] Gerlinde Grahn, Wir bleiben hier, S. 45/46, 130. Informationen zum Hörfunkrat bzw. eine Sendung mit der UIPF sind im Deutschen Rundfunkarchiv nicht überliefert.
[vii] BLHA, 401 RdB Pdm 22356: Dokumente über die Vorbereitung und Durchführung der Wahlen zur Volkskammer am 18. März 1990.
[viii] Potsdam: Amt für Statistik, Stadtforschung und Wahlen (Hg.): Wahlen seit 1809 in der Stadt Potsdam. Beiträge zur Statistik und Stadtforschung. Heft 2/1998, S. 48; Brandenburg: Gerlinde Grahn, Wir bleiben hier, S. 281; DDR: https://de.wikipedia.org/wiki/Volkskammerwahl_1990 (22.2.2021).
[ix] Tanja Brandes/Markus Decker: Ostfrauen verändern die Republik. Berlin 2019, S. 158.
[x] Anne Hampele Ulrich, Der Unabhängige Frauenverband, S. 190.
[xi] Biografie und Interviewausschnitte von Tatjana Böhm: https://berlin-in-bewegung.de/aktivist-innen/tatjana-boehm (7.5.2021).
[xii] Robert-Havemann-Gesellschaft, Archiv der DDR-Opposition (RHG), UFV-AHU 07: Bericht des Landes Brandenburg zum 4. Bundeskongress des UFV vom 30.10. bis 1.11.1992 in Berlin, unterschrieben von Anke Lehmann und Ute Tröbner, S. 1.
[xiii] RHG, A 131, fälschlich eingeordnet unter Potsdam/Volkskammerwahl 1990: Schreiben der UIPF an DDR-Innenminister Peter-Michael Diestel, 24.4.1990.
[xiv] BLHA, Rep. 801 Bezirkstag und Rat des Bezirkes Cottbus Nr. 24525: Schreiben der Bezirkswahlkommission Cottbus vom 23.4.1990 an den Bürgermeister von Briesen, 23.4.1990 (https://blha.brandenburg.de/index.php/30-jahre-brandenburg/die-landesgruendung-in-dokumenten-02/, 7.5.2021).
[xv] Amt für Statistik, Stadtforschung und Wahlen, Wahlen seit 1809 in der Stadt Potsdam, Anlage 3, Tabelle 32.
[xvi] Anonym: Die Ausschüsse und ihre Vorsitzenden, in: Märkische Volksstimme, 15. Juni 1990. Kurzporträt in: Jeanette Toussaint: Ein Besen für mutige Frauen. Siebenundzwanzig Gesichter und ein Preis (verlinken). Frauenzentrum Potsdam 2016, S. 42/43.
[xvii] RHG, A/132 Potsdam/UFV-Büro + UIPF 1990 / Briefe von und an UFV + UIPF: Schreiben der UIPF an UFV-Büro Berlin, 31.5.1990.
[xviii] Ebd.: Schreiben der UIPF an die EMMA-Redaktion, 3.8.1990.
[xix] Ebd.: Dankschreiben der UIPF an die Parlamentarische Staatssekretärin für die Gleichstellung von Frau und Mann in Düsseldorf, 30.5.1990.
[xx] Ebd.: Rundschreiben UIPF, undatiert (vor 21.7.1990).
[xxi] RHG, A/131 Potsdam Landtagswahl 1990/1994: Undatiertes Rundschreiben der UIPF, August 1990.
[xxii] Ebd.: Rundschreiben der UIPF, 16.8.1990 und Rundschreiben des Landesverbandes der Grünen Partei, 15.8.1990. Weitere Erfahrungen von Vertretern der Grünen, aber auch vom Bündnis 90 in: Peter Ulrich Weiß/Jutta Braun: Im Riss zweier Epochen. Potsdam in den 1980er und frühen 1990er Jahren. Berlin 2019, S. 366-371.
[xxiii] RHG, A/131 Potsdam Landtagswahl 1990/1994: Protokoll des Treffens zwischen Gabriele M. Grafenhorst, Christel Heise und Manfred Stolpe, undatiert, handschriftlich notiert „1990/Herbst“.
[xxiv] Ebd.: Brief der Initiative Frau und Familie Blankenfelde, 10.8.1990.
[xxv] Wahlergebnisse in: Märkische Allgemeine, 26.10.1990.
[xxvi] Auflistung unbekannter Herkunft von Rosemarie Döhle, Bonn, 29.10.1990, Kopie im Besitz der Autorin. Aktuell sind es 31,8 Prozent (88 Abgeordnete, davon 28 Frauen (https://www.lpb-bw.de/frauenanteil-laenderparlamenten#c8378, Stand 25.5.2021).
[xxvii] RHG, A/131 Potsdam Landtagswahl 1990/1994: Brief des UFV Land Brandenburg an den brandenburgischen Landesvorstand der Grünen, 26.10.1990.
[xxviii] Anne Hampele Ulrich, Der Unabhängige Frauenverband, S. 213- 215. Hier auch zur schwierigen Arbeit von Christina Schenk in der Bundestagsfraktion.
[xxix] Ebd., S. 277/278.
[xxx] Ebd., S. 253-255.
[xxxi] RHG, A/132 Potsdam/UFV-Büro + UIPF 1991: Rundschreiben des Landesbüros an alle Mitglieder, 12.3.1991.
[xxxii] RHG, A/132 UFV Potsdam: Rundbrief Ute Tröbner/UFV-Landesbüro Brandenburg, 8.4.1991.
[xxxiii] Ebd.: Brief von Ute Tröbner/UFV-Landesbüro Brandenburg an UFV-Büro Berlin, 12.12.1991.
[xxxiv] Diverse Dokumente dazu in: RHG, A/131 Potsdam Landtagswahl 1990/1994.
[xxxv] Ute Tröbner: „Haben Sie aufs falsche Pferd gesetzt?“, in: weibblick. 19/1994, S. 42-45, hier S. 43 (http://www.weibblick.com/archiv/jahrgang-1994/heft-19/, 25.5.2021).
[xxxvi] RHG, A/132 Potsdam/UFV-Büro 1993, 1994: Fahrtkosten und Termine Landtagswahl und Frauenstreik 1994 Ute Tröbner; Ebd. A/131 Potsdam Landtagswahl 1990/1994: Entwurf einer Einladung von Bündnis 90/Die Grünen zu einer Veranstaltung mit Johanna Lesch und Ute Tröbner.
[xxxvii] Archiv des Frauenzentrums Potsdam: Mitgliederliste der Ständigen Kommission Frauenfragen und Gleichstellung, 21.3.1990; RHG, A/130 Kommission Frauenfragen, Bezirkstag Potsdam 1990: Liste der Arbeitsgruppen der Ständigen Kommission Frauenfragen und Gleichstellung und deren Mitglieder, undatiert. Weiteres zu ihrer Person: https://www.literaturport.de/Johanna.Lesch/ (14.5.2021).
[xxxviii] Ute Tröbner, Haben Sie aufs falsche Pferd gesetzt, S. 42, 43, 45.
[xxxix] RHG, A/132 Potsdam/UFV-Büro + UIPF 1992: Rundschreiben UFV Berlin an UFV-Gruppen im Land Brandenburg, 30.4.1992.
[xl] Anne Hampele Ulrich, Der Unabhängige Frauenverband, S. 278: Im Land Brandenburg gab es 1991 400 UFV-Mitglieder, 1993/94 befanden sich noch 110 Adressen im UFV-Verteiler.
[xli] RHG, A/132 Potsdam/UFV-Büro 1993/94: Brief der UFV-Regionalgruppe Wittstock an UFV Bundesverband, 24.11.1994; Ebd. Potsdam/UFV-Büro 1995/1996: Protokoll vom Landeskoordinierungsrat am 17.6.1995 in Wansdorf.

[xlii] RHG, A/132 Potsdam/UFV-Büro 1995/1996: Schreiben von Elke Jacob an UFV-Bundesbüro, 14.7.1995.

[xliii] RHG, A/132 UFV Potsdam, UFV-Landeskoordinierungsrat, Vollversammlungen 1990-1995.

[xliv] Interview von Jeanette Toussaint mit Ute Tröbner am 3.12.2019.

[xlv] http://ufv-halberstadt.de/, https://www.dornrosa.de/adventskalender (25.5.2021).

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