1989/90 – Aufbruch der Potsdamer Frauen!

 

 

Auf dieser Seite werden laufend Ergebnisse unseres Forschungsprojekts zur Potsdamer Frauenbewegung 1989/90 veröffentlicht. Alle Texte stammen von der Ethnologin Jeanette Toussaint.

Nach und nach fügen wir Biografien von engagierten Potsdamerinnen hinzu und zeigen die Entstehung frauenpolitischer Organisationen und Strukturen in Potsdam. So entsteht schließlich eine umfangreiche Sammlung, die zu einer Zeitreise in die bewegenden Jahre rund um Mauerfall und Wiedervereinigung einlädt.

Über das Projekt

Nicht gegen Männer, aber für Frauen!
Die Unabhängige Initiative Potsdamer Frauen (1989 bis 1995)

Das Frauenzentrum Potsdam wurde von Frauen aufgebaut, die sich während der politischen Wende 1989 zusammengefunden haben. Bis zur Gründung des Vereins im April 1990 waren die meisten in der Unabhängigen Initiative Potsdamer Frauen organisiert, dem späteren Unabhängigen Frauenverband – Landesbüro Brandenburg. In Publikationen zum politischen Umbruch 1989/90 in Potsdam spielt der Verband keine Rolle oder wird allenfalls am Rande erwähnt. Dabei verzeichnete die Fraueninitiative im Frühjahr 1990 rund 150 Mitglieder aus allen Alters- und Berufsgruppen.

Damit die Geschichte der Potsdamer Frauenbewegung nicht in Vergessenheit gerät, startete das Autonome Frauenzentrum 2019 ein Projekt zur Aufarbeitung der Historie. Jeanette Toussaint, die mit den Forschungen beauftragte Ethnologin, hat eine Reihe von Zeitzeuginnen zu ihrem Engagement in der Unabhängigen Initiative Potsdamer Frauen befragt und ist den biografischen Hintergründen für ihr politisches Handeln gefolgt. Außerdem hat sie die noch vorhandenen Dokumente und Fotos gesammelt, um sie nach Abschluss des Vorhabens in ein Archiv zu geben. So sind sie auch für zukünftige Wissenschaftler/innen zugänglich. Ausgehend von den Interviews und dem zeitgeschichtlichen Material entstand ein vielstimmiges Erinnerungsprojekt. Die Ergebnisse werden hier nach und nach eingestellt.

Sollten Sie noch über Erinnerungen und Dokumente zur Frauenbewegung in Potsdam verfügen, würden wir uns über den Kontakt mit Ihnen freuen. Sie können sich an Jeanette Toussaint wenden: j.toussaint@freenet.de oder an das Frauenzentrum kontakt@frauenzentrum-potsdam.de, Tel. 0331 967 93 29.

Und nun viel Spaß bei der Zeitreise in die Jahre 1989 bis 1995!

Impressum und Dank

Texte: Jeanette Toussaint
Lektorat: Ralf Forster
Interviewtranskriptionen: Barbara Bunting
Bildbearbeitung: Susanne Stich / design | BÜROSTICH+
Gestaltung: Michaela Burkard

Unser Dank gilt allen, die die Forschungen finanziell und ideell unterstützt haben, insbesondere den Interviewpartnerinnen Katherine Biesecke, Barbara Burkhardt, Ursula Demitter, Rosemarie Döhle, Lea Edelmann, Heiderose Gerber, Ute Grimm, Christel Heise, Beate Müller, Sieglinde Reinhardt, Ute Tröbner, Christina Vierke, Dörte Wernick, Elfi Wiedemann sowie Lutz Boede, Cathleen Bürgelt, Amélie zu Eulenburg, Uwe Fröhlich, Bernd Gurlt, Detlev Konnerth, Anke Lehmann, Carsten Linke, Juliane Müller, Bernhard und Matthias Opitz, Peter Ulrich Weiß, Cornelia Wüstling und dem MAZ-Pressearchiv.

Gefördert mit Mitteln des Ministeriums für Soziales, Gesundheit, Integration und Verbraucherschutz des Landes Brandenburg

Kapitel 1: Die Anfänge

Nicht gegen Männer, aber für Frauen
Die Unabhängige Initiative Potsdamer Frauen

Bereits in den 1980er Jahren finden sich in der DDR privat und unter dem Dach der Kirchen nichtstaatliche Frauengruppen zusammen, um politische Veränderungen anzustoßen, gegen die militärische Aufrüstung zu protestieren und über die eigene Rolle in der Gesellschaft nachzudenken.[1] Die daraus entstehenden Frauenfriedensgruppen, Lesbeninitiativen und feministisch-theologischen Kreise bilden die Basis für den am 3. Dezember 1989 in der Berliner Volksbühne gegründeten Unabhängigen Frauenverband (UFV). Über tausend Frauen nehmen an der Veranstaltung teil. „Wer sich nicht wehrt, kommt an den Herd“ mahnt ein Spruchband die Ankommenden. Das Motto der Gründungsversammlung lautet „Ohne Frauen ist kein Staat zu machen“.[2] Und diesen Leitgedanken gilt es durchzusetzen, denn selbst die neuen „Bürgerbewegungen“ entpuppen sich als frauenfeindlich, wenn es um Machtansprüche geht. So müssen alle Frauengruppen vehement um ihre politische Beteiligung an der Neuordnung des untergehenden Staates kämpfen.

Werbebutton des Unabhängigen Frauenverbandes für die Volkskammerwahl im März 1990 © Jeanette Toussaint

Es folgt ein euphorischer Aufbruch: Fast 50 Frauengruppen und –Projekte zählt die DDR im Februar 1990, wie ein in dieser Zeit gedrucktes Faltblatt des UFV bekundet. Dazu gehört die Unabhängige Initiative Potsdamer Frauen (UIPF). Die Impulse zu deren Entstehung kommen wie in vielen Orten aus kirchlichen Kreisen. Dörte Wernick, angehende Pfarrerin, regt unter anderem in der Frauengruppe der Friedrichskirchengemeinde Babelsberg am 27. November 1989 an, „etwas für Frauen in Potsdam [zu] tun“, wie sich Elfi Wiedemann, eine der späteren Mitglieder der Fraueninitiative erinnert.[3] Die Gründung des Unabhängigen Frauenverbandes in Berlin zeigt: Es ist höchste Zeit, sich für die eigenen Rechte stark zu machen. Geeignete Räume findet Dörte Wernick in der Ausbildungsstätte für Gemeindepädagogik in der Johannes-Dieckmann-Allee (Alleestraße), an der sie studiert hat. Deren Rektorin Mechthild Holtermann genehmigt die geplante Veranstaltung. Das ist nicht selbstverständlich. Die Grenzen sind zwar seit dem 9. November offen, aber die DDR existiert noch und damit auch der Geheimdienst, der alle Aktivitäten der Ausbildungsstätte überwacht.[4] Das Schwanken zwischen Unsicherheit und Aufbruch lassen auch die Tagebuchnotizen von Beate Müller, Mitinitiatorin der UIPF und Studentin der Gemeindepädagogik, vom November 1989 erkennen: „Heute war wieder ein Tag voller Ereignisse. Erst ein Arbeitstreffen im Praktikum, dann zu einer Demo nach Potsdam. Es gab viel Polizeipräsenz […]. Dann haben wir das Treffen für Frauen weiter vorbereitet. Es bleibt viel Anspannung, wer wird kommen und wie viele, wird die Polizei auftauchen, werden wir auffliegen? Ich bin so neugierig, wie dieser Abend verlaufen wird, was werden wir zusammentragen? Es fühlt sich an wie ein Neubeginn von etwas Großem, und es fühlt sich mutig an, weil ich nicht weiß, wo die Reise hinführt. Ich glaube die nächsten Wochen werden den Weg zeigen, wir sind gemeinsam unterwegs. […] Schlaf kommt wie schon seit Wochen viel zu kurz. Aber all diese Intensität, diese revolutionäre, mutige, diskussionsreiche Zeit gibt wohl die Energie und Kraft.“ [5]

Dieser Neubeginn soll am 10. Dezember starten. Über das Ziel heißt es auf Flugblättern und in Tageszeitungen wie der Märkischen Volksstimme: „Dieses Treffen ist eine Möglichkeit, daß wir Frauen aus der Vereinzelung herauskommen, uns gegenseitig stärken, um dadurch Fraueninteressen in der Gesellschaft wirksamer vertreten zu können. Für diesen Sonntag kleine, wichtige Schritte: kennenlernen, zuhören, verabreden, informieren und natürlich Kaffee trinken. Wie es mit diesem Anliegen nach diesem Sonntag weitergehen soll, bestimmen die Frauen, die kommen.“

Das Flugblatt gestaltet Dörte Wernick zusammen mit Pfarrer Martin Kwaschik von der Erlöserkirche, der über ein Gerät verfügt, mit dem man Ormig-Vorlagen erstellen kann. Vervielfältigt werden sie in der Ausbildungsstätte, die dank einer Partnereinrichtung im Westen einen passenden Drucker besitzt. Unterstützung leisten die Gemeindepädagogik-Studentinnen Beate Müller und Jule Grefe. Auch Almut Hoffmann und Cornelia Wüstling helfen; beide sind darüber hinaus mit Dörte Wenick im evangelischen Arbeitskreis Solidarische Kirche [6] aktiv.

Die Informationszettel befestigen die Frauen an Bäumen und bringen sie bei Veranstaltungen unter die Leute. Dörte Wernick bleibt in diesem Zusammenhang die Kundgebung des Neuen Forum vom 2. Dezember 1989 am Karl-Liebknecht-Forum eindrücklich im Gedächtnis. Es berührt sie, ein plötzliches Leuchten in den Augen der Frauen zu sehen, die ihr Flugblatt lesen. Ihre Gedanken dazu hält sie noch am selben Tag unter der Frage fest „Was ist es wert, eine Frau zu sein?“

Auf das Treffen am 10. Dezember 1989 wird unterschiedlich zurückgeblickt. Zwischen zehn und 100 Frauen sollen in die Johannes-Dieckmann-Allee gekommen sein. Ein festes Programm wird nicht geboten. Elfi Wiedemann, Wissenschaftlerin am Potsdamer Zentralinstitut für Astrophysik und Mitunterzeichnerin des Aufrufes für das Neue Forum, berichtet über die Gründung des UFV, an der sie und Dörte Wernick teilgenommen haben.[7] Um miteinander ins Gespräch zu kommen und Themen auszuloten, gibt Dörte Wenick Satzteile in die Runde: „…wünscht sich eine mutige und erfrischende Frauenzeitung in der DDR“, „…ist mit ihrem Aussehen zufrieden“, „…kann auf Bemutterung des Mannes verzichten“ oder „…ist lieber mit Frauen zusammen“. So finden sich Gleichgesinnte zusammen und bereiten Arbeitsgruppen für das Gründungstreffen am 16. Dezember vor. Heiderose Gerber, damals Dramaturgin bei der DEFA, tritt an diesem Tag der Gruppe Frauenzentrum bei. Den Nachmittag empfindet sie heute so: „Inspirierend. Da waren ganz viele Frauen und es war […] ein sehr zielorientiertes Treffen. Also ich erinnere mich, dass es gleich konstruktiv zur Sache ging.“[8]

Parallel dazu beginnt die Suche nach geeigneten Räumen für ein Frauenzentrum. In der Potsdamer Innenstadt plant eine Bonner Initiative den Ausbau eines Hauses, hat aber noch keinen Verwendungszweck. „Den haben wir! Frauenhaus“ schreibt Dörte Wenick an Almut Hoffmann am 14. Dezember.[9] Doch daraus wird erstmal nichts.

Am 16. Dezember 1989 rufen dann 34 Frauen im Otto-Nagel-Club in Waldstadt die Unabhängige Initiative Potsdamer Frauen ins Leben.[10] Die ersten Arbeitsgruppen präsentieren sich: Frauenzentrum, Frauen in Beruf und Bildung, Frauen mit Kindern, Gewalt gegen Frauen, Auswirkungen der neuen Reisemöglichkeiten (AIDS, Drogen usw.). Die Grundsatzerklärung ist kämpferisch. Die Initiative sieht sich als Befreiungsbewegung, die patriarchalische Strukturen in der deutschen Gesellschaft beseitigen will. Sie knüpft an die Themen der nichtstaatlichen Frauenzusammenschlüsse in der DDR an und verortet sich in einem größeren Kontext: „Patriarchalische Herrschaftsformen in Politik und Wirtschaft haben unseren Erdball an den Rand eines militärischen und ökologischen Kollapses gebracht. Deshalb versteht sich diese Fraueninitiative als ein Teil von weltweiten Bewegungen gegen den ökologischen Tod der Erde, für Entmilitarisierung, gegen den Hunger in der Welt.“[11] Unabhängig meint: Die Initiative vertritt die Interessen von Frauen, nicht die von Parteien, Gruppierungen und Institutionen.

Für den Gründungsaufruf, der Anfang Januar 1990 an die Medien verschickt wird, definiert die Gruppe ihre Ziele: Oberste Priorität hat die umfassende rechtliche, soziale und individuelle Gleichstellung von Frauen.[12] Als Erfahrungshorizont bringen sie ihre DDR-Vergangenheit ein. Es existierten zwar bessere Rechtsgrundlagen für Gleichberechtigung, doch erwiesen sich die alten Rollenmuster als stabil. Seit dem Mauerfall verändert sich die Gesellschaft rasant, Frauenrechte und soziale Errungenschaften aus der DDR drohen verlorenzugehen. Es gilt, bereits Errungenes zu bewahren – wie das Recht auf Arbeit, Kindergartenplätze, Schulspeisung und straffreie Abtreibung ohne Zwangsberatung. Die wichtigsten, naheliegenden Aufgaben sind der Aufbau eines Frauenzentrums in Potsdam, in dem jede Frau Rat und Hilfe erhält und die Mitsprache in allen Gremien zu Themen, die Frauen betreffen. Als Kontaktfrau fungiert Ute Tröbner, Physiotherapeutin und zu diesem Zeitpunkt Hausfrau. Das Logo entwickelt Beate Müller.

Logo der Unabhängigen Initiative Potsdamer Frauen, Entwurf: Beate Müller

Struktur und Arbeitsweise der Fraueninitiative konzipiert Dörte Wernick. Sie greift auf die demokratischen Prinzipien des Arbeitskreises Solidarische Kirche zurück, was bedeutet: Konsensregelung statt Mehrheitsentscheidung, Aufbau von Basisgruppen im Wohngebiet, Projektgruppen, Koordinierungs- und Sprecherinnenrat, Treffen dieser Gruppen zweimal jährlich zur Vollversammlung. Zudem sollen bei Kooperationen mit anderen keine Verpflichtungen über gemeinsame Anliegen hinaus entstehen. In der Realität müssen die beschlossenen Praktiken angepasst werden, so ist zum Beispiel das Konsensprinzip nicht durchzuhalten. Auch Doppelfunktionen wie Sprecherin, Arbeitsgruppenvertreterin und Büromitarbeiterin lassen sich aus personellen Gründen nicht vermeiden, obwohl dort eine Trennung vorgesehen ist.

Entwurf der zukünftigen Struktur der Unabhängigen Initiative Potsdamer Frauen von Dörte Wernick, Dezember 1989 © Jeanette Toussaint

Während sich in Potsdam die Unabhängige Initiative Potsdamer Frauen bildet, fährt Elfi Wiedemann am 16. Dezember 1989 zum Koordinierungstreffen des Unabhängigen Frauenverbandes nach Berlin, um weitere Schritte der Konstituierung mit zu planen.[13] Statut und Programm müssen im Verlauf des Januars geschrieben werden. Alle interessierten Frauengruppen sollen sich einbringen. Es ist ein kleiner Kreis aus der Initiative, der unter Hochdruck daran mitwirkt, darunter Beate Müller.[14] Die offizielle Konstituierung des UFV ist notwendig, um an der Volkskammerwahl teilnehmen zu können. Die soll am 18. März 1990 stattfinden, die UFV-Gründung am 17. Februar. Da bleibt denkbar wenig Zeit für Wahlkampf.

Die Potsdamerinnen beantragen am 2. Januar 1990 die staatliche Anerkennung als Vereinigung. Doch den Frauen ist bewusst, dass es eines größeren Zusammenhanges bedarf, um ihren Forderungen Nachdruck zu verleihen. So ziehen sie einen Monat später den Antrag zurück, da sie zunächst als Untergruppe im UFV arbeiten wollen. Danach soll noch einmal über eine juristische Selbstständigkeit befunden werden.[15] Doch auch das wird verworfen, stattdessen treten die Frauen der Initiative im Frühjahr 1990 dem UFV bei.

Mitgliedskarte von Dörte Wernick für den Unabhängigen Frauenverband, 1. Juni 1990 © Jeanette Toussaint

 

Talk im Schloss Cecilienhof

Auf Anregung des Neuen Forum findet am 12. Januar 1990 Lea Roshs Fernseh-Talkshow „Freitagnacht“ im Schloss Cecilienhof statt. Am historischen runden Tisch, an dem 1945 das Potsdamer Abkommen die Nachkriegsordnung Europas beschloss, diskutieren nun Vertreter/innen aus verschiedenen Bereichen in Ost und West, darunter die „Bürgerbewegung“ aus Potsdam, über die politische und wirtschaftliche Perspektive der DDR: Eberhard Jäckel (Historiker Universität Stuttgart), Otto Wolff von Amerongen (Unternehmer und Präsident des Deutschen Industrie- und Handelstages), Egon Bahr (Vorsitzender der Sicherheitspolitischen Kommission der SPD-West), Wolfgang Berghofer (stellvertretender Vorsitzender SED-PDS, Oberbürgermeister von Dresden), Michael Brie (Philosoph, Humboldt-Universität Berlin), Heinz Warzecha (Generaldirektor des VEB Werkzeugmaschinenkombinat „7. Oktober“ Berlin) sitzen den Mitgliedern der Potsdamer Oppositionsbewegung gegenüber: Jochen Wolf (SDP/SPD[16]), Carolin Lorenz (Demokratie Jetzt), Reinhard Meinel (Neues Forum), Saskia Hüneke (Grüne Liga/ARGUS), Konrad Polak (Demokratischer Aufbruch) und Björn Rugenstein (Vereinigte Linke). Dörte Wernick vertritt die Potsdamer Fraueninitiative. An einem kleinen runden Tisch etwas abseits sitzen Rolf Henrich (Mitgründer Neues Forum) und Gregor Gysi (Vorsitzender SED-PDS). Am Rande diskutieren Wolfgang Schnur (Vorsitzender Demokratischer Aufbruch) und Ibrahim Böhme (Geschäftsführer SDP/SPD) mit. Obwohl die Sendung mehr als zwei Stunden dauert, sind das Neue Forum als Initiator und die anderen Teilnehmenden der „Bürgerbewegung“ selten zu hören und zu sehen, zu „gewichtig“ ist die geladene Runde.[17] Als Dörte Wenick für eine Quotierung plädiert, mit deren Hilfe Frauen ihre Erfahrungen in einer künftigen Demokratie einbringen können, schneidet ihr Lea Rosh das Wort ab und verweist auf ihre nächste Sendung, in der sie nur mit Frauen über solche Themen reden wird, und sie sei herzlich dazu eingeladen. Ute Tröbner und andere Gäste versuchen vergeblich, sich in die Diskussionsrunde einzuschalten, obwohl Mikrofone dafür bereitstehen.

Ihr erstes großes Treffen organisiert die UIPF am 28. Januar 1990 im Klub der Künstler und Architekten „Eduard Claudius“ in der Schloßstraße 14. Die Initiative möchte sich Potsdam-weit bekannt machen und weitere Engagierte werben. Dazu präsentiert sie einen Überblick über ihre bisherigen Aktivitäten und die bereits eingerichteten Arbeitsgruppen: Frauenzentrum, Mütter im Babyjahr, Selbsthilfegruppen und Therapien, Rentnerinnen, Frauen und Gewalt, Frauen in Beruf und Bildung, Auswirkungen der Reisemöglichkeiten (Drogen, Aids usw.), Frauenpolitik und Organisation, Frauen und Wehrdienst, Recht, Öffentlichkeitsarbeit und Informationen, Kontakte zu in- und ausländischen Frauengruppen. Auch sollen sich an diesem Tag weitere Gruppen finden, darunter zu den Aspekten Frauen in der Mitte des Lebens und Frauen in Geschichte und Kunst.[18] Für das Treffen stellt  Dörte Wenick eine mehrseitige Informationsbroschüre aus Zeitungsartikeln der letzten Wochen und Texten eines Frauenkalenders zusammen, ergänzt durch Gedanken von Almut Hoffmann zur UIPF sowie Informationen zur Fraueninitiative und Kontaktadressen.

Wollen wir den Knast beleben?
Ein Büro im Haus für Alle

Die Suche nach eigenen Räumen hat im Januar 1990 Erfolg. Doch bis dahin war sie aufregend. Die Initiative wendet sich zunächst an die städtische Arbeitsgruppe Häuservergabe, die im Zuge der Auflösung des Ministeriums für Staatssicherheit (nun Amt für Nationale Sicherheit) im Dezember 1989 Räumlichkeiten für soziale Zwecke vermittelt.[19] Die UIPF plant ein Beratungs-, Kultur- und Bildungszentrum mit Café, Bibliothek und einer Notwohnung als Anlaufpunkt sowie einen Ort für Frauen, an dem sie sich ihrer Stärken bewusst werden und Selbstsicherheit trainieren können. Ein zweites Haus soll Frauen dienen, die vor häuslicher Gewalt fliehen müssen und vorübergehend Unterkunft benötigen. Der Traum von zwei getrennten Gebäuden erfüllt sich allerdings erst 2011.

Die Märkische Volksstimme kündigt am 20. Dezember 1989 an, es gäbe bereits vor Weihnachten Besichtigungstermine für städtische Objekte. Präzisierte Vorschläge von Antragstellern/innen sollen dann am 28. Dezember in städtischen Gremien diskutiert werden. Über diesen Zeitungsartikel erfährt Dörte Wernick auch von zwei Häusern, die der evangelischen Kirche rückübertragen werden sollen. Einen Tag später wendet sie sich an den Superintendenten Eginhard Schmiechen mit der Bitte um Überlassung eines dieser Gebäude, die vor 1945 vom Christlichen Verein Junger Männer genutzt wurden. Erfahrungsberichte aus den bisherigen Treffen der Fraueninitiative hätten gezeigt, „daß ein Schutzraum für Frauen, die Gewalt in der Partnerschaft erleiden, nötig ist.“ Das Ende ihres Briefes gestaltet sie in Anlehnung an das Kapitel „Jesus und die Kinder“ im Markus-Evangelium: „Es ist sicher ein Unterschied, daß für christlich jetzt unabhängig steht. Aber es wäre nicht unchristlich, wenn dem Beispiel Jesu gefolgt werden könnte, der die von den Jüngern zurückgewiesenen Frauen, die Kinder auf ihrem Arm trugen, entgegen allen religiösen Normen und Gepflogenheiten, zu sich rief. Heute würden wir dazu vielleicht sagen, er hat unkonventionell gehandelt.“[20] Die Antwort von Eginhard Schmiechen darauf ist nicht bekannt.

Auch an die Potsdamer Stadtverordnetenversammlung wendet sich Dörte Wenick im Namen der UIPF. In ihrem Schreiben erklärt sie die Notwendigkeit eines Frauenzentrums in der Stadt, dessen Aufbau durch ein künftiges Kuratorium und bittet um die Bereitstellung eines Hauses bzw. von Räumen für die anspruchsvollen Aufgaben.[21] Um dem Antrag Nachdruck zu verleihen, initiiert sie eine Unterschriftensammlung.

Ihr Ansinnen trifft auf Zustimmung, denn es knüpft an die Forderungen der „Bürgerbewegung“ nach zentral erreichbaren Räumen für die weitere Arbeit an. Am 11. Januar 1990 besichtigen Vertreter/innen der UIPF und anderer Vereinigungen und Parteien Büroräume im ehemaligen Untersuchungsgefängnis des Ministeriums für Staatssicherheit in der Otto-Nuschke-Straße 54/55 (Lindenstraße).[22] Bernd Blumrich, der die Gruppe an diesem Tag fotografisch begleitet, erinnert sich: „Die Führung durch dieses Haus hinterlässt bei den Beteiligten tiefes Entsetzen und den Wunsch, ihm schnellstmöglich eine neue Bedeutung zu geben, seine Türen für alle zu öffnen und einen zentralen Anlaufpunkt für die demokratischen Bewegungen zu schaffen, die allein in der Lage sind, die ‚Aufgaben der Gegenwart zu lösen’. So werden im Anschluss die Büro- und Verwaltungsräume nach Lage und Größe aufgeteilt. Dieser Teil des Treffens verläuft nicht ganz unproblematisch, denn die Bedeutung und Position einer Gruppe wird jeweils sehr unterschiedlich eingeschätzt.“[23] Die Fraueninitiative erhält die Zimmer 15 und 16 in der ersten Etage mit insgesamt 27 Quadratmetern, Schlüsselübergabe ist am 15. Januar.[24] Die Büroräume wirken dank der zurückgelassenen Einrichtung der Staatssicherheit trist und schäbig. Gestalterisches Geschick ist gefragt. Beim Rat der Stadt beantragt die UIPF später Möbel, Schreibmaschinen, Kopierer und Computer aus dem ehemaligen „materiell-technischen Bestand“ des MfS. Eine Anwältin aus Westberlin hilft mit einer Schreibmaschine und kostenlosen Rechtsberatungen.[25] Und ein Freund von Barbara Burckhardt, UIPF-Mitglied und damals Krankenschwester, bringt Kopierpapier vorbei.[26]

Ute Tröbner erinnert sich noch an den Einzug ins „Lindenhotel“, wie der Volksmund das alte Gefängnis in Verbindung mit dem früheren Straßennamen Lindenstraße ironisch nennt – und das nun zum „Haus für Alle“ wird: „[…] da war noch alles wie’s war, als hätten die Stasileute das fluchtartig verlassen. Da stand noch der Safe drin, […] das Telefon funktionierte noch. […] Es war eine gruselige Atmosphäre […] Es war noch dieses Rotlicht auf dem Flur, die Toilette war verspiegelt, dass du von außen reingucken konntest […] Akten waren schon beiseitegeschafft, aber es waren noch Telefonnummernverzeichnisse und alles war noch da. Wir bekamen auch immer noch Anrufe: ‚Wir wollten noch den Genossen sowieso und so sprechen.’“[27]

Die Bürozeiten werden zunächst ehrenamtlich, teilweise gegen Aufwandsentschädigung abgedeckt, unter anderem von der damaligen Erziehungshelferin und UFV-Sprecherin Katherine Biesecke.[28] Sie erlebt dort auch die ersten Tage der offenen Tür. Das Interesse der Potsdamer Bevölkerung ist groß. Viele wollen wissen, was sich hinter der Fassade des Hauses verbirgt, dessen Bürgersteig über Jahrzehnte mit einem Holzzaun versperrt war und mit Video überwacht wurde. Katherine Biesecke erzählt: „Es stand unten auf der Straße eine riesen Schlange an, […] weil wir auch nur eine bestimmte Anzahl immer durchschleusen konnten. […] Das war ja ein relativ enges Haus, die mussten reinkommen und wieder rauskommen […] und was dann immer sehr bemerkenswert war oder auch sehr berührend war, dass […] sich schon Zeitzeugen einfanden, die von ihrer Zeit in dem Knast erzählt haben. […] das war alles überhaupt nicht aufgearbeitet oder begleitet und viele haben ja dann auch versucht, die Zellen zu finden, in denen sie untergebracht waren […] Oder haben dann vor den anderen schon ihre Geschichte berichtet. Ja, das hat sich mir sehr eindrücklich eingeprägt und ich finde das auch heute noch grandios, dass wir das damals gemacht haben. Das war ja ohne Konzept und […] ohne psychologische oder seelsorgerische Begleitung.“[29]

Erster Tag der offenen Tür im „Haus für Alle“ in der Otto-Nuschke-Straße 54/55, 20. Januar 1990 © Bernd Blumrich

Ab März 1990 können zwei Frauen für die täglichen Sprechzeiten beschäftigt werden. Das Büro managen fortan Ute Tröbner und Anke Lehmann, vormals Köchin in der Ausbildungsstätte für Gemeindepädagogik. Zu ihnen kommen nun auch tagsüber Menschen, die das Gefängnis von früher kennen. Ute Tröbner: „Und es kamen ganz viele Leute, die dort eingeknastet waren oder zum Verhör waren und […] haben uns auch viel erzählt darüber. Wir haben damals Gedächtnisprotokolle gemacht.[30] Aber es kamen auch welche, die bei der Stasi gearbeitet haben. Eine Frau war besonders. Die wollte sich dann auch so ein bisschen uns anschließen. […] Die kam sehr oft. Die ist uns ziemlich auf die Nerven gegangen, aber andererseits glaube ich, das war auch dieses schlechte Gewissen. Sie hatte diesem Regime gedient, und ich denke, sie wollte […] sich wieder freimachen von irgendwas. Sie hat uns viel erzählt über die Zusammenhänge, über die Akten und so […] Aber die hatte so gelitten unter dem, was sie getan hat, und deshalb haben wir sie auch nicht rausgeschmissen. Irgendwann ist sie dann nicht mehr gekommen.“[31]

Beate Müller assoziiert die ersten Monate im Büro mit: „Kaffeetassen, alle möglichen Arten von Getränken, Rauch, da wurde ja nicht draußen geraucht, […] endlose Diskussionsrunden und Kleingruppen und auch mal Stress und Streit […] Aber ansonsten war in diesem Raum einfach immer Power. Ich habe mich immer sehr gefreut, dahin zu fahren. […] sicherlich gab es auch Konkurrenz. Daran kann ich mich auch entsinnen, dass es immer mal Diskussionen gab […] um Präsenz in der Öffentlichkeit, wer macht das jetzt und wer zeigt sich und wie muss das sein. Da waren die Meinungen schon mal unterschiedlich.“[32] Im Januar/Februar 1990 notiert sie in ihr Tagebuch: „So viele verschiedene Frauen sind inzwischen zu uns gestoßen, so voller Power, Ideen, Wünschen und mit ganz unterschiedlichen, mir bisher teils auch fremden Lebenssituationen. Eine Nähe und Verbundenheit entsteht. Jede hat ihr Potential im Schreiben, im Organisieren, in der Gremienarbeit, in der Politik, im ganz Praktischen und so viel mehr. Einerseits scheinen das Studium und diese neue Zeit etwas ganz anderes zu sein, doch es gibt Verknüpfungen mit den Frauen der Theologie, die aufgestanden sind, mit den Menschen, die gekämpft haben und ihr Leben gaben für ein anderes gerechteres Miteinander. Es kommt in den Gedanken alles zusammen und wird wie ein Netz, das trägt und Gewissheit gibt. Wir sind auf einem wichtigen guten Weg, Zusammenhalt, Solidarität (wobei das Wort so DDR-lastig ist), den Blick für die Einzelne, Diskussionen, der Kampf für die Dinge, die uns wichtig sind, als Frauen gesehen und gehört zu werden und mitzugestalten. Es tun sich so viele Themen auf, wir müssen lauter werden. Was für eine Zeit – wo wird es uns hinführen?“[33]

Ursprünglich ist die Büro-Nutzung im „Haus für Alle“ bis Ende Juni 1990 befristet. Die neuen Gruppen und Parteien sollen hier ihre Teilnahme an der Volkskammerwahl am 18. März und an der Kommunalwahl am 6. Mai vorbereiten und sich dann nach neuen Räumen umsehen. Die Frauen diskutieren, ob sie das ehemalige Gefängnis mit Leben erfüllen sollen oder nicht. Ihre Meinungen gehen auseinander. Doch die Suche bleibt erfolglos und durch die Wahlkämpfe fehlt schließlich auch die Zeit dafür. Und so wird der Mietvertrag immer wieder verlängert. Zwischenzeitlich nutzt der 1992 gegründete Frauenpolitische Rat einen Raum. Ende 1994 zieht das Büro dann ins benachbarte „Grüne Haus“ in der Lindenstraße 53.

Für das Frauenzentrum aber findet sich im April 1990 ein Ort: die ehemalige Diabetikerzentrale in der Leninallee 189 (Zeppelinstraße). Der Vorschlag kommt von Christina Vierke, Mitarbeiterin für Stadtplanung und Stadtbaurecht der Stadt Potsdam.[34] Sie hatte zuvor die Grundbuchunterlagen studiert, um sicher zu sein, dass keine privaten Rückübertragungsansprüche für das Haus vorliegen. Es ist das erste Frauenzentrum im Bezirk Potsdam und könnte Modellcharakter bekommen für weitere im künftigen Land Brandenburg.[35] (Siehe auch in unserer Geschichte des Frauenzentrums)

Doch zunächst wird am 8. März 1990 der internationale Frauentag gefeiert. Die Volkskammerwahl zehn Tage später schickt ihre Zeichen voraus. Bundesweit gehen Tausende für die Gleichstellung von Frauen und Männern auf die Straße. In Potsdam demonstriert die Fraueninitiative gemeinsam mit dem Demokratischen Frauenbund Deutschlands (DFD), dem Neuen Forum, dem Behindertenverband und Unterstützerinnen aus West-Berlin auf dem Platz der Nationen (Luisenplatz).[36] Für die UIPF sprechen Ute Tröbner und Gisela Opitz. Sie wenden sich gegen den Abbau von sozialen Rechten und fordern auf, alle Wahlprogramme auf den frauenpolitischen Gehalt zu prüfen.[37] Ein handgestaltetes Flugblatt trägt den Slogan „Nicht gegen Männer, aber für Frauen“ und ist Programm: Die Frauen wollen ihre Anliegen gemeinsam mit den Männern durchsetzen. Damit knüpfen sie an das Ziel der sozialistischen Frauenbewegung zum Ende des 19. Jahrhunderts an, mit ihren Genossen an der Seite die Gesellschaft verändern und die Gleichberechtigung der Geschlechter durchsetzen zu wollen. Das hat nicht funktioniert und das funktioniert auch nicht mit der ostdeutschen „Bürgerbewegung“, wie sich spätestens nach der ersten freien Volkskammerwahl herausstellen wird.

Mit ihren Forderungen orientiert sich die UIPF am Aufruf der lila offensive aus Berlin, den diese am 4. November 1989 bei der Demonstration auf dem Alexanderplatz verteilt hat.[38] Viele sind leider noch heute gültig, weil unerfüllt: Gleichstellung von Frauen und Männern, höhere Gehälter für frauentypische Berufe, gleiche Mitbestimmung in allen politischen und gesellschaftlichen Bereichen, soziale Sicherung von alleinerziehenden Frauen und Männern, mehr Männer in kinderorientierte Berufsfelder.

Nach der Demonstration lädt die UIPF in die Gaststätte „Orion“ im Wohngebiet „Am Stern“ ein, wo die Frauen bis in die Nacht hinein feiern.[39]

Bis April 1990 verzeichnet die Unabhängige Fraueninitiative rund 150 Mitglieder aus allen Alters- und Berufsgruppen.[40] Doch aktiv ist nur ein kleiner Kreis. Das spürt auch die Tanzpädagogin und Autorin Gabriele Grafenhorst und schreibt vor der Volkskammerwahl in der Märkischen Volksstimme: „Die Handvoll Aktivistinnen ist zunehmend gestreßt von Dauersitzungen an Runden Tischen, durch die Teilnahme an ungezählten Versammlungen und durch die berufliche Arbeit. Ideen gibt es viele, aber Zeit und Kraft fehlen. Und die Masse verharrt (noch?) im gewohnten Schweigen.“[41]


[1] Gabi Leopold: Ein Haus für Frauen, in: Märkische Volksstimme, 2.4.1990. Die Zahlenangaben schwanken. Auf dem Antrag der UIPF auf staatliche Anerkennung einer Vereinigung vom 2.1.1990 werden 200 angegeben. Vgl. RHG, A/132 Potsdam/Gründung Unabhängige Initiative Potsdamer Frauen. In einem Brief der UIPF an den UFV am 6.3.1990 sind es 113. Vgl. ebd., A/132 Potsdam/UFV-Büro + UIPF 1990 / Briefe von und an UFV + UIPF.
[2] Gabriele Grafenhorst: Bevor wir das Fürchten lernen, in: Märkische Volksstimme, 5.3.1990.
[3] Nach derzeitigen Recherchen sind die Gedächtnisprotokolle nicht überliefert.
[4] Interview von Jeanette Toussaint mit Ute Tröbner am 3.12.2019.
[5] Interview von Jeanette Toussaint mit Beate Müller am 28.1.2020.
[6] https://de.wikipedia.org/wiki/Arbeitskreis_Solidarische_Kirche (22.2.2021).
[7] Tagebuchauszüge aus dem Privatbesitz von Beate Müller.
[8] Interview von Jeanette Toussaint mit Christina Vierke am 8.10.2019.
[9] RHG, A 130 Kommission Frauenfragen, Bezirkstag Potsdam 1990.
[10] Gerlinde Grahn (Hg.): „Wir bleiben hier, gestalten wollen wir“. Der Runde Tisch im Bezirk Potsdam 1989/90 – Forum des gesellschaftlichen Dialogs. Nr. 10 der Schriftenreihe der Rosa-Luxemburg-Stiftung Brandenburg e.V. „Land Brandenburg in Geschichte und Gegenwart“. Schkeuditz 2006, S. 280; Erste Chronik der Arbeitsgruppe Frauenpolitik des NEUEN FORUM von Elfi Wiedemann.
[11] Brandenburgisches Landeshauptarchiv, 102 Plakate, A 181: Plakat der lila offensive mit handschriftlichen Ergänzungen durch die UIPF.
[12] Flugblatt der lila offensive. Kopie im Besitz der Autorin. S.a. https://lilaoffensive.de/chronologie.html (22.2.2021).
[13] Interview von Jeanette Toussaint mit Rosemarie Döhle am 26.9.2019.
[14] RHG, A/132 Potsdam/UFV-Büro + UIPF 1990 / Briefe von und an UFV + UIPF: Schreiben von UIPF an UFV am 6.3.1990; Interview von Jeanette Toussaint mit Elfi Wiedemann am 7.7.2020.
[15] Interview von Jeanette Toussaint mit Katherine Biesecke am 11.11.2019.
[16] Interview von Jeanette Toussaint mit Ute Tröbner am 3.12.2019.
[17] Edith Mende: Arbeitsgruppe der Stadt prüft Verwendung ehemaliger Gebäude des Amtes für Nationale Sicherheit, in: Märkische Volksstimme, 20.12.1989. Zur Suche nach Objekten, die vom MfS genutzt wurden und deren Vergabe siehe auch Peter Ulrich Weiß/Jutta Braun: Im Riss zweier Epochen. Potsdam in den 1980er und frühen 1990er Jahren. Berlin 2019, S. 287-297.
[18] Brief von Dörte Wernick im Namen der UIPF an Superintendent Schmiechen am 20.12.1989. Kopie im Besitz der Autorin; Markus-Evangelium, Kap. 10, 13-16.
[19] Brief von Dörte Wernick im Namen der UIPF an die Stadtverordnetenversammlung Potsdam am 20. und 21.12.1989. Kopie im Besitz der Autorin.
[20] Jutta Braun schreibt in Peter Ulrich Weiß/Jutta Braun, Im Riss zweier Epochen, auf S. 293 fälschlich, der UFV hätte Räume in der Lindenstraße 53 erhalten. Dieser zog jedoch erst im Dezember 1994 in das „Grüne Haus“. Vgl. RHG, A/132 Potsdam/Miete Büro.
[21] Bernd Blumrich, Linienuntreue, S. 125, 127.
[22] RHG, A/132 Potsdam/Miete Büro; Eintrag der Schlüsselübergabe in Dörte Wernicks Privatkalender.
[23] RHG, A/132 Potsdam/UFV-Büro + UIPF 1990 / Briefe von und an UFV + UIPF: Antrag der UIPF an Rat der Stadt Potsdam, Abt. Verkehr, 20.3.1990 und Dankbrief von Ute Tröbner an Gisela Ludewig, 18.5.1990; Ebd. A/132 Potsdam/UFV-Büro + UIPF 1991.
[24] Interview von Jeanette Toussaint mit Barbara Burkhardt am 15.7.2020.
[25] Die Sozialdemokratische Partei (SDP), am 7.10.1989 gegründet, nannte sich am 14.1.1990 in SPD um.
[26] Bernd Blumrich: Linienuntreue. Potsdam, Kleinmachnow und Teltow von 1989 bis 1990. Berlin 2007, S. 128. Kontakte zu Lea Rosh gab es bereits 1989 über den Potsdamer Friedenskreis, in dem auch Anhänger des Neuen Forum aktiv waren. Vgl. Reinhard Meinel/Thomas Wernicke, Mit tschekistischem Gruß, S. 58. Die Talkshow ist bei rbb media überliefert.
[27] Tagesordnung vom Treffen der UIPF am 28.1.1990 im Klub der Künstler und Architekten „Eduard Claudius“. Kopie im Besitz der Autorin.
[28] Erste Chronik der Arbeitsgruppe Frauenpolitik des NEUEN FORUM von Elfi Wiedemann.
[29] Privatbesitz Beate Müller: Statutentwurf UFV mit handschriftlichen Notizen, 5.1.1990; Anne Hampele Ulrich: Der Unabhängige Frauenverband. Ein frauenpolitisches Experiment im deutschen Vereinigungsprozeß. Berlin 2000, S. 88.
[30] Robert-Havemann-Gesellschaft, Archiv der DDR-Opposition (RHG), A/132 Potsdam/Gründung Unabhängige Initiative Potsdamer Frauen: Antrag der UIPF auf staatliche Anerkennung einer Vereinigung am 2.1.1990 und Mitteilung vom Rat der Stadt Potsdam Abt. Genehmigungswesen an UIPF, 2.2.1990.
[31] Interview von Jeanette Toussaint mit Elfi Wiedemann am 7.7.2020.
[32] Interview von Jeanette Toussaint mit Heiderose Gerber am 7.1.2020.
[33] Mitteilung von Dörte Wernick an Almut Hoffmann am 14.12.1989. Kopie im Besitz der Autorin.
[34] Adressenliste vom Treffen am 16.12.1989. Kopie im Besitz der Autorin.
[35] Grundsatzerklärung der Unabhängigen Initiative Potsdamer Frauen (UIPF) vom 16.12.1989. Kopie im Besitz der Autorin.
[36] Gründungsaufruf der UIPF vom 18.12.1989. Kopie im Besitz der Autorin.
[37] Erste Chronik der Arbeitsgruppe Frauenpolitik des NEUEN FORUM Potsdam, Mitte 1990 von Elfi Wiedemann zusammengestellt. Kopie im Besitz der Autorin.
[38] Reinhard Meinel/Thomas Wernicke (Hg.): Mit tschekistischem Gruß. Berichte der Bezirksverwaltung für Staatssicherheit Potsdam 1989. Potsdam 1990, S. 59/60.
[39] Tagebuchauszüge von November 1989, Privatbesitz Beate Müller.
[40] Ausführlicher: Annett Gröschner: Berolinas zornige Töchter. 50 Jahre Berliner Frauenbewegung. Berlin 2018, S. 224-232.
[41] Jessica Bock (2020): Das Umbruchsjahr 1990, in: Digitales Deutsches Frauenarchiv (https://www.digitales-deutsches-frauenarchiv.de/angebote/dossiers/30-jahre-geteilter-feminismus/das-umbruchsjahr-1990, 11.1.2021).

Kapitel 2: Politische Mitbestimmung

Politische Mitbestimmung

Es ist ein überschaubarer Kreis von Frauen, der sich anfangs in die Unabhängige Initiative Potsdamer Frauen (UIPF) einbringt. Dörte Wernick schreibt am 21. Dezember 1989 in ihrem Rundbrief an die Mitglieder: „Inzwischen gibt es verschiedene Ebenen, wo neue Gruppen mitreden können. Ob dies überall sinnvoll ist, kann noch nicht eingeschätzt werden. Bis zum großen Frauentreffen [am 28. Januar 1990] werden sich die Frauen der kleinen Runde diese Arbeit entsprechend ihrer Zeit und ihrem Zutrauen aufteilen. Aber Hinweise, Vorschläge zu: Runder Tisch-Stadt/Runder Tisch-Bezirk, Rat für Volkskontrolle […] an Ute Tröbner.“[1]

Runder Tisch des Bezirkes

Die runden Tische

Nach dem Vorbild des zentralen Runden Tisches der DDR, der sich am 7. Dezember 1989 in Berlin konstituiert, diskutieren auf Bezirks-, Stadt-, Kreis- und Gemeindeebene Vertreter/innen bestehender und neu gegründeter Parteien, Organisationen und Vereinigungen über die weitere Entwicklung des Landes. Sie senden Resolutionen und Handlungsempfehlungen an die Regierung sowie an kommunale Gremien. Die Sitzungen sind öffentlich. Der Runde Tisch des Bezirkes Potsdam tagt vom 20. Dezember 1989 bis zum 9. Mai 1990; der Runde Tisch der Stadt Potsdam vom 13. Dezember 1989 bis zum 3. Mai 1990.

Seit dem 20. Dezember 1989 nimmt die Fraueninitiative am Runden Tisch des Bezirkes Potsdam Platz, hauptsächlich vertreten durch Dörte Wernick und ab Frühjahr 1990 durch Beate Müller.[2] Vierzehntägig steht hier die Zukunft des Bezirkes im Mittelpunkt. Das inhaltliche Spektrum reicht von geplanten Verwaltungs- und Wirtschaftsreformen über die künftige Länderstruktur bis hin zu Neofaschismus, Bildungs- und Energiefragen.[3] Auch ein neues Wahlrecht soll erarbeitet werden. Für die politischen Neulinge aus der „Bürgerbewegung“ bedeutet das, sich in kurzer Zeit Wissen zu einer breiten Themenpalette anzueignen. Sie können sich für die Vorbereitungen freistellen lassen, doch vieles müssen sie trotzdem neben Beruf oder Ausbildung bewältigen.[4] Schließlich bereiten sachbezogene Arbeitsgruppen einzelne Punkte zur Erörterung in den Sitzungen vor.

Sitzung des Runden Tisches des Bezirkes, vorn links Brigitte Kirsten, rechts neben ihr Dörte Wernick, Januar 1990 © MAZ, Foto: Michael Hübner

Die Vertreterinnen der UIPF bringen ihren Sachverstand vor allem zur künftigen Frauenpolitik ein. Sie stellen eine Reihe von Anträgen auf sozialpolitische Maßnahmen, etwa um Arbeitsplätze zu erhalten, eine gerechtere Entlohnung durchzusetzen, Altersarmut zu vermeiden und um Chancen einer gleichberechtigten Kinderbetreuung von Eltern auszuloten.[5]

Der zweite wichtige Bereich ist der Aufbau von staatlichen Strukturen, um die Rechte von Frauen zu schützen und neue gesetzlich zu verankern. Der Unabhängige Frauenverband (UFV) hat sich bereits am zentralen Runden Tisch für die Etablierung von Gleichstellungsbeauftragten stark gemacht. Seine Forderungen gehen in die Koalitionsverhandlungen zur Regierungsbildung ein, die nach den Volkskammerwahlen am 18. März 1990 stattfinden.[6] Erste „Beauftragte für die Gleichstellung von Mann und Frau“ in der DDR wird im Mai 1990 Marina Beyer, Biologin und Mitgründerin des Pankower Friedenskreises. Nun sollen Bezirke und Kommunen folgen. In der Stadt Potsdam tritt im Juni 1990 die Sozialdemokratin Angelika Thiel dieses Amt an.[7] Nachfolgerin wird 1995 ihre Mitarbeiterin Helga Schulte.[8]

Bezirkstag Potsdam

Im obersten Organ des Bezirkes – grob vergleichbar mit dem heutigen Landtag – befinden bis zu 200 Abgeordnete über die Belange des Bezirkes Potsdam. Viermal im Jahr tagt das Gremium. Seine Beschlüsse können nur von der Volkskammer revidiert werden. Die hauptsächliche inhaltliche Arbeit findet in ständigen oder zeitlich befristeten Kommissionen statt. Die Bezirkstage werden zum 31. Mai 1990 aufgelöst. Bis zur Bildung des Landes Brandenburg am 14. Oktober 1990 übernimmt eine Bezirksverwaltungsbehörde die Aufgabenbereiche, geleitet durch einen Regierungsbevollmächtigten.

Über den Runden Tisch des Bezirkes beantragt die UIPF im Januar 1990 gemeinsam mit dem Demokratischen Frauenbund (DFD) erfolgreich die Bildung einer Ständigen Kommission für Frauenfragen und Gleichstellung beim Bezirkstag Potsdam.[9] Diese soll den Bezirkstag und den Rat des Bezirkes bei allen frauenpolitischen Entscheidungen kontrollieren und beraten. Die Zusammenarbeit mit dem bis dahin staatskonformen DFD in dieser Angelegenheit ist eine Kompromisslösung. Noch im Dezember 1989 hatte dessen Bezirksvorsitzende Eva Preuß gegenüber dem Leiter des Runden Tisches, Generalsuperintendent Günter Bransch, sich von der UIPF abgegrenzt und ihre Bitte um Teilnahme an den Sitzungen so begründet: „An Gesprächsrunden des Unabhängigen Frauenverbandes nahmen Mitglieder unserer Vorstände teil und [wir] können somit sagen, dass wir uns nicht durch ihn vertreten fühlen.“[10] Doch der Frauenbund steckt in einer Krise und muss sich neue Bereiche suchen und Anerkennung sichern. Die Potsdamer Fraueninitiative kann wiederum mit Unterstützung des DFD ihren Forderungen bei den „alten“ Abgeordneten mehr Nachdruck verleihen.

Die Ständige Kommission Frauenfragen trifft sich ab Mitte Februar 1990, sie wird von vier thematischen Gruppen unterstützt: Arbeitsmarkt und soziale Absicherung; Wissenschaft, Bildung, Kultur und Forschung; Gewalt, Sexismus, Rassismus sowie Recht und Vergleich der Rechtssysteme. In ihnen agieren Vertreterinnen der alten Parteien und Organisationen mit der „Bürgerbewegung“ gemeinsam.[11] Die UIPF repräsentieren Gabriele Grafenhorst (Autorin), Susanne Lang (Hausfrau), Angelika Pohl (Projektantin), Dagmar Röhrig (EDV[12]-Organisatorin), Christina Vierke (Vermessungsingenieurin), Ulrike Helmreich (Krankenschwester), Johanna Lesch (Kabarettistin), Bettina Saar (Forschungsingenieurin) und Christa Sagner (Psychologin). Elfi Wiedemann, ebenfalls in der Fraueninitiative aktiv und zugleich Mitglied im Neuen Forum, gehört der Arbeitsgruppe Wissenschaft, Bildung, Kultur und Forschung an. Die Kommission löst sich bereits Ende Mai 1990 zusammen mit dem Bezirkstag auf.[13]

Auch der 1990 geschaffene Ratsbereich für Gleichstellungsfragen beim Rat des Bezirkes ist der UIPF und dem DFD zu verdanken.[14] Die künftigen Mitarbeiterinnen sollen die Abteilung Frauen und Gleichstellung im späteren Land Brandenburg strukturell und inhaltlich vorbereiten und ein neues Landesrecht mit auf den Weg bringen.[15] Da es gilt „optimale politische Rahmenbedingungen“ zu schaffen, also alte Seilschaften und ideologische Einengungen durch SED und DFD zu vermeiden, beantragt die Fraueninitiative am 14. Februar 1990 die Führung des Ratsbereiches.[16] Leiterin und spätere Bevollmächtigte für Gleichstellungsfragen wird am 8. März Erika Wald. Ihr zur Seite stehen zwei Mitarbeiterinnen und eine Sekretärin.[17] Erika Wald, ehemalige Diplomstaatswissenschaftlerin, ist seit dem 16. Dezember 1989 Mitglied der Unabhängigen Fraueninitiative. Sie war zuvor im Bezirksvorstand des ostdeutschen Gewerkschaftsbundes FDGB in der Abteilung Feriendienst tätig.[18] Nun gehört sie dem Rat des Bezirkes an, der aus 22 Abgeordneten besteht, darunter drei Frauen.[19] Wie sich bereits im Sommer zeigt, ist ihr frauenpolitisches Wirken kaum wahrnehmbar. Doch schlagen alle Versuche fehl, sie abzulösen.[20] Erst im Zuge der Länderbildung im Oktober 1990 und dem anschließenden Aufbau des brandenburgischen Ministeriums für Arbeit, Soziales, Gesundheit und Frauen verliert sich ihre Spur.

Provisorischer Regionalausschuss Berlin – Arbeitsgruppe Frauenpolitik

Regionalausschuss Berlin

Der provisorische Regionalausschuss für die Region Berlin (Hauptstadt der DDR), Berlin West und die Bezirke Potsdam und Frankfurt/Oder, wie er offiziell heißt, konstituiert sich am 22. Dezember 1989. Er besteht aus Mitgliedern der beiden Regierungen, des Berliner Magistrats und Senats sowie der Bezirke Potsdam, Frankfurt/Oder und später Cottbus. Die Region nimmt durch die Teilung seit dem Mauerbau 1961 eine Sonderrolle ein. Der Ausschuss befasst sich in 15 Arbeitsgruppen mit der lokalen Entwicklung und richtet Empfehlungen an die jeweils fachlich zuständigen Verwaltungsstellen.

Im provisorischen Regionalausschuss Berlin ist die Unabhängige Initiative Potsdamer Frauen in der Arbeitsgruppe IV Frauenpolitik präsent.[21] Diese zählt 16 Mitglieder (mitunter nehmen mehr teil, jedoch ohne Stimmrecht) und ist ost-west-paritätisch besetzt. Daher teilen sich Carola von Braun, Frauenbeauftragte der Berliner Senatsverwaltung für Frauen, Jugend und Familie, und Erika Wald als Leiterin des Ratsbereiches für Gleichstellungsfragen des Bezirkes Potsdam den Vorsitz. Elfi Wiedemann und Rosemarie Döhle vertreten die Fraueninitiative. Ein erstes Treffen, um mögliche Themen auszuloten, findet am 8. Februar 1990 im Klub der Künstler und Architekten „Eduard Claudius“ in Potsdam statt. Rosemarie Döhle erinnert sich: „13 Frauen waren aus Westberlin angereist. Sie waren sehr interessiert an dem was wir vorhatten und versicherten uns noch mal jede Unterstützung. Ich glaube es war für beide Seiten sehr spannend, denn es hatte ja 40 Jahre keine Kontakte gegeben.“[22] Dem folgt die erste reguläre Sitzung am 1. März 1990, offiziell konstituiert sich der Ausschuss am 28. März. Das ist im Vergleich zu den anderen Arbeitsgruppen recht spät, erklärt sich jedoch durch das Fehlen adäquater frauenpolitischer Verwaltungsstrukturen in der DDR. Diese sind gerade im Aufbau begriffen oder als Interimslösung angelegt.

Die Arbeitsgruppe IV tritt vom 28. März bis 8. Juni einmal monatlich zusammen. Auf den ganztägigen Sitzungen berichten die Teilnehmerinnen der Berliner Senatsverwaltung für Frauen, Jugend und Familie über ihre Erfahrungen mit gleichstellungspolitischen Maßnahmen. Auf dieser Grundlage diskutieren die Mitglieder Empfehlungen für den Aufbau von frauenpolitischen Verwaltungsstrukturen im künftigen Land Brandenburg sowie Arbeitsmarkt- und Frauenförderungsprogramme. Im April 1990 gehört dazu der Vorschlag, ein Gleichstellungsreferat einzurichten und dieses in der neuen Kommunalverfassung zu verankern.[23] Das Prozedere – das auf die Übernahme „westlicher“ Strukturen in der DDR auch auf diesem Gebiet zielt – ist lang und umständlich, denn alle Vorschläge müssen je nach Schwerpunkt noch mit den anderen 14 Arbeitsgruppen des Regionalausschusses abgestimmt werden. Umgekehrt gilt dieses Verfahren nicht, obwohl Frauenpolitik eine Querschnittsaufgabe ist, also jeden Bereich betrifft. Proteste der Arbeitsgruppe IV helfen da nicht.[24]

Um die Vorgänge zu vereinfachen, bereiten sechs Expertinnenrunden die Empfehlungen vor: Arbeitsmarkt und soziale Absicherung; Vergleich der Rechtssysteme; Gewalt, Sexismus, Rassismus; Wissenschaft, Bildung, Kultur; Wohnungs- und Stadtplanung sowie Frauenpolitik. Kritisiert wird, dass die Expertinnen ihr Wissen ehrenamtlich zur Verfügung stellen sollen. Aus den Unterlagen geht nicht hervor, ob das geändert wurde.

Die Wirkung der Beschlüsse am Runden Tisch des Bezirkes und die Arbeit im Regionalausschuss lassen sich schwer beurteilen. Dörte Wernick meint, der Runde Tisch habe der „Befriedung“ zwischen alten und neuen Parteien und Bewegungen gedient und dazu beigetragen, Eskalationen zu verhindern. „Seine Funktion bestand darin, dass miteinander gesprochen wurde und kein Vakuum entstand.“ Außerdem sei sie mit Vertretern anderer Parteien und der Staatsorgane in Kontakt gekommen, mit denen sie vorher keine Berührungspunkte hatte.[25]

Auf jeden Fall gelingt es innerhalb dieser Gremientätigkeit, Ansätze frauenpolitischer Strukturen zu schaffen, die nach der Länderreform im Oktober 1990 in die Zuständigkeit der Gleichstellungsbeauftragten übergehen. Für die Demokratisierung der DDR und als politische Lehrstunden sind die Sitzungen auf jeden Fall sinnvoll. Konkreten Widerhall findet der Antrag der UIPF am Runden Tisch vom 25. April 1990: Er richtet sich an den Ministerrat der DDR und fordert, das 1:1 tauschbare Sparguthaben der Rentner/innen bei der geplanten Währungsreform am 1. Juli 1990 höher anzusetzen.[26] Tatsächlich können Menschen ab 60 schließlich 6.000 statt 4.000 Mark ohne Verlust umtauschen.

Die Unabhängige Fraueninitiative will ursprünglich auch im Potsdamer Bürgerkomitee „Rat der Volkskontrolle“ dabei sein, das bereits erstmals am 6. Dezember 1989 zusammenkommt. Es überwacht die Auflösung des Ministeriums für Staatssicherheit in Potsdam und weiterer staatlicher Institutionen. Dafür haben die Mitglieder ebenfalls einen Runden Tisch gebildet und ein Bürgerbüro eröffnet. Der gegen Ende Dezember 1989 gestellte Antrag auf Mitwirkung wird vom Bürgerkomitee ebenso abgelehnt wie die Gesuche von Grüner Partei und Grüner Liga. Man wolle die Parität zwischen alten und neuen Parteien, Organisationen, Initiativen und der evangelischen Kirche wahren, heißt es.[27] Immerhin darf die Fraueninitiative beobachtend teilnehmen.

 


[1] Rundschreiben der UIPF, 21.12.1989. Kopie im Besitz der Autorin.
[2] Protokolle des Runden Tisches in: Robert-Havemann-Gesellschaft, Archiv der DDR-Opposition (RHG), A 130 Runder Tisch des Bezirkes Potsdam 1989/90 und Gerlinde Grahn (Hg.): „Wir bleiben hier, gestalten wollen wir“. Der Runde Tisch im Bezirk Potsdam 1989/90 – Forum des gesellschaftlichen Dialogs. Nr. 10 der Schriftenreihe der Rosa-Luxemburg-Stiftung Brandenburg e.V. „Land Brandenburg in Geschichte und Gegenwart“. Schkeuditz 2006. Einschätzung der Arbeit des Runden Tisches, wenn auch unter Ausblendung der Aktivitäten der UIPF in: Peter Ulrich Weiß/Jutta Braun: Im Riss zweier Epochen. Potsdam in den 1980er und frühen 1990er Jahren. Berlin 2019, S. 315-323. Die Protokolle des Runden Tisches der Stadt Potsdam sind nach Auskunft des Stadtarchivs vom 4.3.2021 nicht überliefert. Für die Teilnahme der UIPF waren nominiert: Ilona Schünemann, Ute Grimm und Hannelore Rieper. Vgl. Protokoll der UIPF, 5.1.1990. Kopie im Besitz der Autorin.
[3] Protokoll der ersten Sitzung des Runden Tisches des Bezirkes Potsdam, 20.12.1989, zitiert in: Gerlinde Grahn, Wir bleiben hier, S. 117.
[4] Beschluss des Ministerrates der DDR zur Unterstützung der Arbeit des Runden Tisches vom 21.12.1989. Privatbesitz Beate Müller. Kopie im Besitz der Autorin.
[5] Antrag vom 17. Januar 1990. Mehr zum Regionalausschuss: BLHA, Rep. 401 RdB Pdm Nr. 37552; Gerlinde Grahn, Wir bleiben hier, S. 131-141.
[6] Erinnerungen von Rosemarie Döhle an die AG Frauenpolitik im Regionalausschuss Berlin, undatiert. Kopie im Besitz der Autorin.
[7] Vorlage für die Sitzung der AG Frauenpolitik des Provisorischen Regionalausschusses am 23./24.4.1990: Beschlussempfehlung im Rahmen der Erarbeitung einer Kommunalverfassung, 11.4.1990. Kopie im Besitz der Autorin.
[8] Protokoll über die Sitzung der AG Frauenpolitik des Regionalausschusses, 18.4.1990; Schreiben der AG Frauenpolitik an die Senatskanzlei, 22.5.1990. Kopien im Besitz der Autorin.
[9] Gespräch von Gerlinde Grahn mit Dörte Wernick am 19.4.2005, abgedruckt in: Gerlinde Grahn, Wir bleiben hier, S. 112-114.
[10] Ebd., S. 235.
[11] Gisela Rüdiger/Gudrun Rogall: Die 111 Tage des Potsdamer Bürgerkomitees „Rat der Volkskontrolle“ 1989/90. Brandenburgische Historische Hefte 20. Brandenburgische Landeszentrale für politische Bildung (Hg.). Potsdam 2009; zur Ablehnung der Aufnahme S. 27.
[12] Die Gründung erfolgte am 12.2.1990. Es ist die 18. Ständige Kommission beim Bezirkstag. Vgl. Brandenburgisches Landeshauptarchiv (BLHA), Rep. 401 Nr. 14056, Protokoll der 17. Tagung des Bezirkstages am 12.2.1990. Zur Behördengeschichte vgl. Lothar Person (Bearbeiter): Bezirkstag und Rat des Bezirkes Potsdam 1952-1990 (Rep. 401). Quellen, Findbücher und Inventare des Brandenburgischen Landeshauptarchivs 30. Berlin/Bern/Brüssel etc. 2014 (https://beckassets.blob.core.windows.net/product/preamble/14411926/9783631651247_intro_005.pdf, 4.3.2021).
[13] Der DFD wurde zunächst nicht an den Runden Tisch des Bezirkes eingeladen. Vgl. Gerlinde Grahn, Wir bleiben, S. 121.
[14] Das waren: DFD, Liberal-Demokratische Partei (LDP), CDU, National-Demokratische Partei Deutschlands (NDPD), PDS, FDGB, Demokratische Bauernpartei Deutschlands (DBD), UIPF, SPD, Neues Forum, Demokratischer Aufbruch und Demokratie Jetzt. Vgl. BLHA, Rep. 401 Nr. 14056: Protokoll der 17. Tagung des Bezirkstages, 12.2.1990; RHG, A 130 Kommission Frauenfragen, Bezirkstag Potsdam 1990; Archiv des Frauenzentrums Potsdam: Mitgliederliste der Ständigen Kommission „Frauenfragen und Gleichstellung“, 21.3.1990 und Beschlussentwurf über die Änderungen in der Zusammensetzung der Kommission, 26.3.1990.
[15] Elektronische Datenverarbeitung.
[16] BLHA, Rep. 401 RdB Pdm Nr. 21764: Schreiben des Regierungsbevollmächtigten der Bezirksverwaltungsbehörde Potsdam an Gabriele Grafenhorst, 4.7.1990.
[17] Der gemeinsame Antrag stammt vom 31.1.1990.
[18] Gerlinde Grahn, Wir bleiben hier, S. 150, 155, 164. BLHA, Rep. 401 RdB Pdm Nr. 21764: Schreiben des Regierungsbevollmächtigten der Bezirksverwaltungsbehörde Potsdam an die Bevollmächtigte für Gleichstellungsfragen am 29.6.1990 und ebd. Nr. 22900/7: Verfügung über die Annahme der Entscheidungsvorlage über Aufgaben und Befugnisse der Bevollmächtigten für Gleichstellungsfragen, 5.9.1990
[19] Gerlinde Grahn, Wir bleiben hier, S. 167.
[20] Alexandra Rau als Büroleiterin, Martina Masuch, die wie Erika Wald kurzzeitig in der UIPF engagiert war und Gerda Franze als Sekretärin.
[21] BLHA, Rep. 401 RdB Pdm Nr. 14335: Protokoll der Sitzung des Rates des Bezirkes am 28.2.1990.
[22] Protokoll über die Sitzung der AG Frauenpolitik des Regionalausschusses, 18.4.1990. Kopie im Besitz der Autorin.
[23] RHG, A/132 Potsdam/UFV-Büro + UIPF 1990 / Briefe von und an UFV + UIPF: Brief der UIPF an den Regierungsbevollmächtigten des Bezirkes Potsdam, 15.6.1990 und Antwort von der Bezirksverwaltungsbehörde/Personalabteilung, 21.6.1990.
[24] Gerlinde Grahn, Wir bleiben hier, u.a. S. 166/167, 177, 213, 235.
[25] https://deutsche-einheit-1990.de/ministerien/mfff/gleichstellung/ (1.3.2021).
[26] Ursula Köhler: Frauenpolitik nicht nur Sache der Frauen allein, in: Märkische Volksstimme, 21.7.1990. Kurzlebenslauf in: Jeanette Toussaint: Ein Besen für mutige Frauen. Siebenundzwanzig Gesichter und ein Preis. Potsdam 2016, S. 42/43 Hier fälschlich Mai als Antrittsdatum angegeben.
[27] Jeanette Toussaint, Ein Besen für mutige Frauen, S. 44/45.

Biografien

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