Gisela Opitz

Theologin, Studieninspektorin, Dozentin, Jahrgang 1931, 2005 verstorben

Gisela Opitz, September 1990 © Jeanette Toussaint, Foto: Katherine Biesecke

Wer Politik macht, muss die Menschen lieben.[1] Dieser Satz der früheren israelischen Ministerpräsidentin Golda Meir begleitet das Wirken von Gisela Opitz: Theologin, Stadtverordnete, engagiert für Frauenrechte. Geboren wird sie 1931 in Gralow bei Landsberg/Warthe.[2] Ihre Jugend verbringt sie in Rathenow, das nach der Vertreibung 1945 zur neuen Heimat wird. An starken familiären Vorbildern mangelt es der Pfarrerstochter nicht: Ihre Eltern waren kritisch denkende politische Menschen, der Vater gehörte der Bekennenden Kirche an. Der Urgroßvater saß im Rathenower Stadtparlament. Die Großmutter wurde Lehrerin, Mutter und Tante studierten – schon zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Auch Gisela Opitz wählt diesen Bildungsweg. Nach dem Theologiestudium arbeitet sie als Studieninspektorin am Vikarinnenseminar der Evangelischen Kirche der Union und übernimmt 1959 die Schüler- und Mädchenarbeit im Landesjugendpfarramt Mecklenburg. Die Heirat mit dem Theologen Helmut Opitz führt sie 1961 nach Potsdam. Sie leitet zunächst das Vikarinnenseminar, bringt zwischen 1962 und 1967 drei Söhne zur Welt und sorgt mit ihrem Mann für einen Pflegesohn. Beruf und Familie gilt es gut zu organisieren, noch dazu als freiberufliche Dozentin in kirchlichen und diakonischen Einrichtungen. Von ihr gestaltete Ausbildungsmaterialien und das Gebetbuch für Eltern und Kinder „Guten Morgen, schöne Welt“ machen Gisela Opitz DDR-weit bekannt. 1982 wird sie theologische Mitarbeiterin in der Evangelischen Frauenhilfe und wirkt im Evangelisch-Kirchlichen Hilfsverein mit.

Im Dezember 1989 findet sich in der Evangelischen Ausbildungsstätte für Gemeindepädagogik die Unabhängige Initiative Potsdamer Frauen zusammen. Gisela Opitz macht sich hier für die Rechte der Seniorinnen stark. So fordert sie ein Nutzungskonzept für die ehemalige Bezirksbehörde des Ministeriums für Staatssicherheit in der Hegelallee, das Einrichtungen für alte Menschen mit bedenkt.[3] Am Aufbau des Autonomen Frauenzentrums Potsdam ist sie ebenfalls beteiligt. 1995 erinnert sie sich: „Ich sehe mich noch mit anderen Frauen [der Fraueninitiative] kurz vor Weihnachten [1989] zusammensitzen, wo wir den ersten Antrag an die Stadtverordnetenversammlung zu Papier brachten, den Dörte [Wernick] und ich am 20. Dezember dem Leiter der Arbeitsgruppe Häuservergabe überreichten. Mir war ein wenig flau zu Mute. Hatten wir uns genau überlegt, welche Folgen auf uns zukämen, sollten wir ein Haus [für das Frauenzentrum] erhalten? Aber da ich die älteste unter den Frauen war, redete ich mir meine Bedenklichkeiten aus und vertraute dem Mut der um viele Jahre Jüngeren.“[4]

Von 1990 bis zu ihrem Tod 2005 ist sie Stadtverordnete, vertritt zunächst die Unabhängige Fraueninitiative, dann das Bürgerbündnis. Wie voll ihr Terminkalender damals gewesen sein muss, vermittelt der Auszug aus einem Weihnachtsrundbrief von Gisela und Helmut Opitz 1990 an Familienangehörige: „Giselas Berufstätigkeit spielt sich sozusagen auf zwei Ebenen ab. Die Arbeit der Potsdamer Zentrale der Evangelischen Frauenhilfe hat sich ausgeweitet. Ab November hat sie die Leitung der Dienststelle übernehmen müssen und damit auch die mit einer Reihe von Dienstreisen ins Rheinland verbundenen Verhandlungen über die Zusammenlegung der Arbeit dieses kirchlichen Bereiches in Ost und West. […] Gisela ist Stadtverordnete (von den ‚Unabhängigen Frauen’) und setzt sich hier mit viel Zeit- und Kraftaufwand besonders für soziale Belange ein. Ihre Bemühungen um den Aufbau eines ‚Frauenhauses’ für mißhandelte Frauen und deren Kinder haben fast das Ausmaß einer eigenen Berufstätigkeit angenommen. Für das Privatleben bleibt da im Augenblick kaum Zeit.“[5]

Gisela Opitz erhält 1994 für das Schaffen erster frauenpolitischer Strukturen nach der gesellschaftlichen Wende von Regine Hildebrandt den Titel „Brandenburgerin des Jahres“. Ihr vielfältiges Wirken, stets mit Blick auf weibliche Belange, honoriert 1998 der Hexenbesen des Frauenzentrums, der jährlich an besonders engagierte Frauen verliehen wird.[6] Gisela Opitz, seit 1995 im Ruhestand, hat zahlreiche Funktionen inne, unermüdlich und kritisch: im Haupt-, Kultur- und Sozialausschuss der Stadt, im Kuratorium des Hans-Otto-Theaters, im Vorstand der Potsdamer Philharmonie und des Frauenzentrums. In Babelsberg ist sie Gemeindekirchenratsvorsitzende, baut die Diakoniestation mit auf und organisiert den jährlichen Weltgebetstag der Frauen. Sie plädiert für eine behutsame Stadterneuerung und ein bürger- und umweltfreundliches Verkehrskonzept. Dank ihrer Initiative tragen mehrere Straßen im Potsdamer Stadtteil Kirchsteigfeld die Namen mutiger Frauen.

Bei großen oder kleinen Problemen: Gisela Opitz bleibt dran, bis das Ziel erreicht ist – und eckt mit ihrem manchmal kompromisslosen Auftreten auch an; es kommt zu Verwerfungen mit ehemals Gleichgesinnten.[7] Doch sie knüpft dank ihrer mitreißenden und zugewandten Art ein Netzwerk, mit dem sie viele Projekte realisiert, so wie die Sanierung der Kirche auf dem Neuendorfer Anger: Gemeinsam mit dem Baudenkmalpfleger Roland Schulze und weiteren Enthusiasten gründet sie 1999 den von ihr geleiteten Förderverein. Aus der Ruine entsteht ein lebendiger Kulturort. Heiligabend 2004 hält Gisela Opitz hier den ersten Gottesdienst. Am 21. Januar 2005 stirbt sie nach kurzer schwerer Krankheit. Die Trauerfeier findet in dem fast fertigen Bauwerk statt und wird nach draußen übertragen, denn es ist zu klein für die vielen Menschen, die Abschied von ihr nehmen wollen. Seit 2014 erinnert neben der Kirche eine Tafel des Projektes „FrauenOrte im Land Brandenburg“ an sie. Auf dem Foto darauf lächelt Gisela Opitz vom Baugerüst unter der Kirchenkuppel in die Kamera – stolz auf das Erreichte.[8]

Zurück


[1] Der Text basiert auf der Kurzbiografie über Gisela Opitz in: Jeanette Toussaint: Ein Besen für mutige Frauen. Siebenundzwanzig Gesichter und ein Preis. Publikation zum 25-jährigen Jubiläum des Autonomen Frauenzentrums Potsdam. Potsdam 2016, S. 54/55.
[2] Die Stationen ihres Lebens sind ihrem Lebenslauf vom 18.3.2003 entnommen, der sich im Besitz ihres Sohnes Bernhard Opitz befindet sowie der Rede von Bettina Viebeg zum 70. Geburtstag von Gisela Opitz am 6.4.2001, die im Archiv des Frauenzentrums bewahrt wird.
[3] Robert-Havemann-Gesellschaft/Archiv der DDR-Opposition, UFV-Bestand, A/130, Runder Tisch Potsdam: Antrag der UIPF an den Runden Tisch des Bezirkes Potsdam am 11.4.1990.
[4] Autonomes Frauenzentrum e.V. Potsdam (Hg.): 5 Jahre Autonomes Frauenzentrum e.V. Potsdam 1995, S. 9.
[5] Privatbesitz Bernhard Opitz: Weihnachtsrundbrief, Advent 1990.
[6] Claudia Krause: Dialog-Frau mit Stachel und Besen, in: Märkische Allgemeine, 30.4.1998.
[7] Ulrike Strube: Nicht immer Übereinstimmung, in: Potsdamer Neueste Nachrichten, 31.1.2005.
[8] http://www.frauenorte-brandenburg.de/index.php?article_id=110 (25.6.2020).