Dörte Wernick

Chemiefacharbeiterin, Pfarrerin, Jahrgang 1963

Dörte Wernick mit ihrem Sohn Fridolin, Sommer 1991 © Dörte Wernick

„Trotz der vielen mühsamen Schritte in der Realität einer Frauenbewegung, könnte ich in der Erinnerung daran die Welt umarmen.“ schreibt die angehende Pfarrerin Dörte Wernick noch unter dem Eindruck der Reaktionen auf ihre Einladung zu einem Frauentreffen am 10. Dezember 1989.[1] Die Initiatorin der Unabhängigen Initiative Potsdamer Frauen stammt aus Goßmar bei Luckau. Der Vater ist dort Pfarrer und stirbt früh. Nach mehrfachen Umzügen wohnt sie ab 1975 mit ihrer Mutter und ihrem jüngeren Bruder in Fürstenberg/Havel. Abitur darf sie nicht machen, denn sie will weder in die FDJ eintreten noch Jugendweihe begehen. Nach einer Lehre zur Chemiefacharbeiterin in Böhlen bei Leipzig folgt ein naturwissenschaftliches Fachabitur; dann beginnt sie ein Biotechnologiestudium. Doch als zukünftige Ingenieurin muss sie Positionen einnehmen und Maßnahmen durchsetzen, die sie nicht vertreten will, etwa das regelmäßige Zivilverteidigungstraining für den möglichen Kriegsfall. Außerdem probiert der ostdeutsche Staatssicherheitsdienst sie anzuwerben. Dörte Wernick sucht nach anderen Perspektiven – und findet sie 1984 in einer neu entwickelten Gemeindepädagogik-Ausbildung in Potsdam. Dabei wollte sie eigentlich nur ehrenamtlich in der Kirche wirken, denn als Kind erlebte sie auch Schattenseiten des Berufes: „Es ist immer alles andere wichtiger als die eigene Familie“.[2]

Die 1979 eröffnete evangelische Ausbildungseinrichtung ist ein Ort kritischen Denkens.[3] Hier lernt sie Demokratie und Mitbestimmung. Dörte Wernick vertritt die Studierenden im Kuratorium des gemeindepädagogischen Studiums. Sie schließt sich dem Arbeitskreis Solidarische Kirche an und gehört zum zehnköpfigen paritätisch besetzten DDR-Koordinierungsausschuss.[4] Ziel des Kreises sind Veränderungen in gesellschaftlichen und kirchlichen Strukturen. Mit ihrem Mann und Dozenten der Ausbildungsstätte, Frank Otto, gründet sie 1988 aus dem Kreis der Gemeindepädagogen heraus eine Potsdamer Regionalgruppe, deren Schwerpunkte Pädagogik und Volksbildung in der DDR sind. Ein brisantes Thema. Das Ministerium für Staatssicherheit observiert die Gruppe und versucht sie auseinander zu bringen.[5] Und sicher beobachtet der Geheimdienst auch ihre ehrenamtliche Arbeit im kirchlichen Friedenskreis Potsdam-Babelsberg, genannt „die Schmiede“. Basierend auf dem Konzept der offenen Arbeit treffen sich hier Jugendliche, unter ihnen Punks und andere „gesellschaftliche Außenseiter“, um über kritische Themen zu diskutieren.[6]

Während des Studiums kristallisiert sich Dörte Wernicks Interesse für die Situation von Frauen heraus. Sensibilisiert durch ihr Aufwachsen als Tochter einer alleinerziehenden Mutter geht sie dem Verhältnis von Kirchengemeinden und Alleinerziehenden nach. Darüber kommt sie mit der Pastorin und Geschäftsführerin der Evangelischen Frauenhilfe, Gisela Opitz, in Kontakt, die später ebenfalls in der Fraueninitiative tätig ist.

Dörte Wernick gehört auch einem Frauenbibelkreis an. Hier befasst sie sich mit feministischer Theologie und entdeckt Geschichten in der Bibel neu. Besonders in Erinnerung ist ihr das Buch der niederländischen Theologin Catharina J.M. Halkes „Gott hat nicht nur starke Söhne“, das 1988 auch in der DDR erscheint. Sie liest die Untergrund-Zeitschrift „KONTEXT. Beiträge aus Politik, Gesellschaft, Kultur“, die 1988/89 unter dem Dach der evangelischen Kirche herausgegeben wird.[7] Hier reflektieren Autorinnen wie Eva Labsch die reale Lebenssituation von DDR-Frauen. Als persönlich prägend beschreibt Dörte Wernick Frauen aus Kirchen-Kreisen wie die Oberkonsistorialrätin Rosemarie Cynkiewicz aus dem Berlin-Brandenburgischen Konsistorium und Marianne Birthler, damals Gründungsmitglied des Arbeitskreises Solidarische Kirche.

Sie hat bereits ihr Predigerseminar in Brandenburg/Havel begonnen, als sie 1989 zum Frauentreffen einlädt. Die Idee reift durch ihre Erfahrungen mit dem Neuen Forum und dessen Kontaktbüro im Babelsberger Pfarrhaus: „ a war mir was aufgefallen: Da vorne [auf Veranstaltungen] redeten die Männer und in dem Kontaktbüro, die ganze Arbeit mit den vielen Leuten und die kleinen Gespräche, haben die Frauen alle gemacht. […] Und dann war das irgendwie schon klar, dass was extra für Frauen sein muss“.[8] Zudem spürt sie erste Machtkämpfe im Neuen Forum.[9]

Nach der Gründung der Unabhängigen Initiative Potsdamer Frauen am 16. Dezember geht es Schlag auf Schlag: Dörte Wernick schreibt Anträge, vertritt zunächst mit Brigitte Kirsten die Initiative am Runden Tisch des Bezirkes, bemüht sich mit weiteren Mitstreiterinnen um ein Haus für das geplante Frauenzentrum, fährt zu Terminen des Unabhängigen Frauenverbandes nach Berlin, nimmt an den ersten Sitzungen der Arbeitsgruppe Frauen des Regionalausschusses teil und trifft sich mehrfach wöchentlich mit der Initiative.[10] Zugleich neigt sich ihre Ausbildung dem Ende zu, im Frühjahr 1990 beginnen die Abschlussprüfungen: „Also damals dachte ich noch, wie lange hältst du das durch, ich hab wirklich ganz viel geraucht, ganz viel Kaffee getrunken und ich bin ja immer morgens nach Brandenburg gefahren zum Predigerseminar und dann, wenn Feierabend war, bin ich wieder zurückgekommen. […] hab abends bis in die Nacht […] im Büro gesessen, hab vier Stunden geschlafen, bin dann wieder nach Brandenburg gefahren. Also das war schon auch kräftezehrend. Und in der Zeit bin ich dann auch noch schwanger geworden.“

Im Verlauf des Frühjahrs legt sie die Ämter in der Fraueninitiative nieder. Sie widmet sich ihrer beruflichen Perspektive, wird im Oktober 1990 ordiniert, arbeitet als Pfarrerin in Babelsberg und bringt im Dezember ihren Sohn zur Welt. Sie entscheidet sich, keiner Partei beizutreten, „was einfach hilfreich ist für die Seelsorgearbeit, weil es natürlich auch politische Themen gibt, die zu persönlichen Schwierigkeiten führen“.[11] Da möchte sie unparteiisch agieren. Der besondere Blick für Frauen aber bleibt.

Seit 2009 ist Dörte Wernick Pfarrerin im brandenburgischen Zaue. Erfolgreich hat sie sich für dessen Anerkennung als Pilgerort eingesetzt. Die Herberge befindet sich bei ihr im Pfarrhaus.[12] Und jedes Jahr im Herbst wird ihre ohnehin eng bemessene Zeit noch knapper, gilt sie doch als geschätzte Pilzsachverständige.

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[1] Maschinenschriftliche Erinnerungen von Dörte Wernick, undatiert. Kopie im Besitz der Autorin.
[2] Interview von Jeanette Toussaint mit Dörte Wernick am 29.11.2019.
[3] Vgl. Frank Wernick-Otto: Senfkorn Hoffnung. Über die Ausbildungsstätte für Gemeindepädagogen, in: Sigrid Grabner/Hendrik Röder/Thomas Wernicke (Hg.): Potsdam 1945 – 1989. Zwischen Anpassung und Aufbegehren. Potsdam 1999, S. 139-141.
[4] https://de.wikipedia.org/wiki/Arbeitskreis_Solidarische_Kirche (25.5.2020).
[5] Peter Ulrich Weiß/Jutta Braun: Im Riss zweier Epochen. Potsdam in den 1980er und frühen 1990er Jahren. Berlin 2019, S. 107, 128; Reinhard Meinel/Thomas Wernicke (Hg.): Mit tschekistischem Gruß. Berichte der Bezirksverwaltung für Staatssicherheit/Potsdam 1989. Potsdam 1990, S. 59, 98.
[6] Zur Schmiede vgl. Peter Weiß/Jutta Braun, Im Riss zweier Epochen, S. 100-102.
[7] http://www.kontextverlag.de/untergrund.html (25.5.2020).
[8] Interview von Jeanette Toussaint mit Dörte Wernick am 29.11.2019.
[9] Interview von Gabriele Schnell und Peter Ulrich Weiß mit Dörte Wernick am 10.10.2008.
[10] Einträge im Taschenkalender von Dörte Wernick 1990, Privatbesitz Dörte Wernick.
[11] Interview von Gabriele Schnell und Peter Ulrich Weiß mit Dörte Wernick am 10.10.2008.
[12] Katrin Kunipatz: Einkehr finden im Pilgerzentrum Zaue, in: Lausitzer Rundschau online, 23.6.2019 (https://www.lr-online.de/lausitz/luebben/kirche-einkehr-und-ruhe-_-_finden-im-pilgerzentrum-zaue-38315886.html, 22.5.2020).