Barbara Burkhardt

Krankenschwester, Jahrgang 1943

Barbara Burkhardt, 1993 © Jeanette Toussaint

 

An die Unabhängige Initiative Potsdamer Frauen erinnert sich Barbara Burkhardt kaum. Präsenter ist ihr das Frauengesundheitszentrum, das sie mit aufgebaut hat. 1989 interessiert sie sich zunächst für das Neue Forum, besonders für die Arbeitsgruppe Bildung.[1] Aber sie fühlt sich nicht recht zugehörig, auch mit der neu gegründeten SDP (später SPD) wird sie nicht recht warm. Begeistert ist sie indes von der Ankündigung eines Frauentreffens am 10. Dezember 1989 in den Räumen der Ausbildungsstätte für Gemeindepädagogik. Auf meine Frage, warum sie sich zu der Fraueninitiative hingezogen gefühlt hat, antwortet sie, es sei naheliegend gewesen: „Ich hab sowas gebraucht, gesucht, und es kam richtig in dieser Zeit für mich. Ich war schon lange unzufrieden mit meiner Rolle.“ [2] Aber was ist ihre Rolle im Dezember 1989? Ein Rückblick.

Barbara Burkhardt kommt 1943 in Dresden zur Welt. Der Vater vermittelt seiner Tochter den hohen Stellenwert von Religion und kirchlichem Ehrenamt. Sie sei ein frommes Kind gewesen, erzählt sie lachend, schon früh in der Gemeinde aktiv. Noch mit 14 verbietet ihr der Vater die Teilnahme an einer Literaturgruppe – weil die abends auch ins Theater geht. 1963 beginnt sie eine Ausbildung zur Krankenschwester im Evangelischen Krankenhaus Paul Gerhardt Stift in Wittenberg. „Als ich dahin kam, hatte ich einen Dutt und da sagte [die Oberschwester]: ‚Sie müssen aber Mittelscheitel tragen. Der Dutt muss hinten sein.‘ Und da […] habe ich mir die Haare abschneiden lassen. Seitdem hatte ich dann kurze Haare, und wie die dann dieses Kleid angepasst hat, 30 cm vom Erdboden weg… Also das war schon ne strenge Geschichte da. Man musste um zehn zu Hause sein, man musste sich abmelden, man hatte wenig Zeit für sich.“ [3] Eigentlich will die Tochter eines Arztes und einer Krankenschwester Medizin studieren. „Ich wäre auch angenommen worden nach dem Abi, zwei Jahre praktisch hab ich auch fast gemacht, aber dann hatte ich meinen Mann kennengelernt und wollte heiraten, und ich konnte mir absolut nicht vorstellen, er war kein Familienmensch, wie ich das alleine packen würde mit Kindern und Studium, und da habe ich das Studium gelassen“. [4]
1966 heiratet sie, zieht mit ihrem Mann, einem Pfarrer, nach Leipzig, später nach Dresden und Pfaffroda. Sie bekommen vier Kinder, das letzte wird 1983 in Potsdam geboren. Barbara Burkhardt arbeitet hier in der Poliklinik. Doch zunehmend missfällt ihr die Rolle als Pfarrersfrau, vor allem das Unsichtbarsein im innerkirchlichen Bereich. Die Auseinandersetzung mit feministischer Theologie seit Ende der 1980er Jahre schärft ihren Blick und steigert die Unzufriedenheit. Sie diskutiert darüber mit Gleichgesinnten bei der Babelsberger Pfarrerin Annette Flade. Hier lernt sie Dörte Wernick kennen, die im Dezember 1989 die Unabhängige Fraueninitiative ins Leben ruft. „Ja und das war für mich irgendwie ein Lichtblick, diese Frauenbewegung. Das hat mich total gelöst. […] Frauen, Kirche, Kinder, Küche, das hat mich schon lange so ein bisschen genervt und ich konnte mich ganz schlecht daraus befreien.“ [5]

Eine aufregende Zeit beginnt. Sie geht zu den Treffen der Fraueninitiative, wird im Vorfeld der Volkskammerwahlen in den Rundfunkrat gewählt. „Naja und dann ging‘s um die Verteilung der Aufgaben und irgendwie bin ich da reingerutscht […], obwohl ich wirklich kein Mensch für Öffentlichkeitsarbeit bin.“ [6] Die euphorische Aufbruchstimmung verfliegt, je mehr Menschen die deutsche Einheit fordern. Die damit einhergehende undifferenzierte Übernahme von bundesdeutschen Gesetzen und Strukturen noch im selben Jahr macht sie wütend.
Dann erzählt ihr die Mitstreiterin aus der Fraueninitiative, Gabriele Grafenhorst, sie plane, in Potsdam ein Frauengesundheitszentrum aufzubauen. Sie begeistern Ute Haußmann, Ute Grimm und zwei Frauen aus West-Berlin für die Idee und finden sich ab März 1991 regelmäßig zusammen. Am 15. April 1992 folgt die Eintragung ins Vereinsregister. [7] Zu den Gründen dieser Offensive schreibt Barbara Burkhardt: „Wir Ostfrauen kamen aus dem Unabhängigen Frauenverband, aber da war eine ziemliche Müdigkeit nach den Wahlen, und wir wollten weiterhin was für Frauen machen.“ [8] Ein ganzheitliches Gesundheitsbewusstsein wollen sie entwickeln. [9] Hilfe zur Selbsthilfe. Das ist wichtig nach den entmündigenden Erfahrungen auch im DDR-Gesundheitssystem.
Die Arbeit läuft zunächst ehrenamtlich. Vom Feministischen Frauengesundheitszentrum in West-Berlin kommt viel Unterstützung durch Weiterbildung, Literatur und fachlichen Austausch. Anfang 1993 schaffen sie sich eine halbe Stelle – besetzt mit Barbara Burkhardt. Sie bringt Möbel vom Sperrmüll für das karg ausgestattete Büro mit und professionalisiert die Buchführung. Die fünf Monate später eingestellte Beate Müller kämpft für den schnellen Ortswechsel vom Konsumhof in Babelsberg in das „Grüne Haus“ in der Lindenstraße 53, rechts vom „Haus der Demokratie“. Die Fenstergitter passen zwar auch nicht zum Anliegen der Frauen, aber das Frauengesundheitszentrum „Ringelblume“ ist nun in der Innenstadt beheimatet und wird sichtbarer. Sie können viel mehr Kurse anbieten. Barbara Burkhardt berät zum Thema Wechseljahre, ist sie doch grad selbst davon betroffen, und sie lernt die Techniken für Fußreflexzonenmassagen und Reiki.

1999: Umzug in sonnendurchflutete Räume in der Friedrich-Ebert-Straße 58 mit Terrasse und Garten – doch Barbara Burkhardt muss gehen. Das Land fördert ihre Stelle nicht mehr. Zwei Jahre später gibt der Verein auf, weder Stadt noch Land stellen Gelder bereit. Auch die Besucherinnenzahlen sind rückläufig. „Wir waren unserer Zeit voraus.“ resümiert Barbara Burkhardt: Yoga, Reiki, bewusste Ernährung, Heilkräuter, Kritik an schulmedizinischen Auffassungen, den eigenen Körper kennen lernen, über Weiblichkeit und Sexualität reden, alles Sachen, die heute en vogue sind.

Bis zum Ruhestand ist Barbara Burkhardt in verschiedenen Bereichen tätig, dann engagiert sie sich ehrenamtlich in der Potsdamer Telefonseelsorge und bietet Mediation im Projekt „Seniorpartner in School“ an. Die Idee: Lebenserfahrene Menschen unterstützen Schüler*innen bei der Konfliktbewältigung. Auf das Frauengesundheitszentrum zurückschauend sagt sie: „Das war sehr gut und viele Sachen von diesen ersten Kursen habe ich lebenslang bewahrt.“ [10] Lebenslang begleitet hat sie auch die Liebe zur Musik. Seit ihrer Kindheit ist sie eine passionierte Chorsängerin. Als wir uns treffen, sucht sie gerade nach einem neuen Chor.

18. Oktober 2021

Zurück


[1] Kalendernotizen von Barbara Burkhardt 1989/1990.
[2] Interview von Jeanette Toussaint mit Barbara Burkhardt am 15.7.2020.
[3] Ebd.
[4] Ebd.
[5] Ebd.
[6] Ebd.
[7] „…aber der Gedanke fließt nicht weiter, wenn du ihn nicht austauschen kannst.“ Interview mit Frauen der Potsdamer Initiative für ein Frauengesundheitszentrum, in: Clio. Die Zeitschrift für Frauengesundheit, 34/1992, S. 24-28; Satzung des Frauengesundheitszentrums, Privatbesitz Beate Müller, Kopie im Besitz der Autorin.
[8] Antworten von Barbara Burkhardt auf einen Fragebogen für den Leitfaden „Frauenbildung in Brandenburg“, 3.3.1993. Privatbesitz Beate Müller, Kopie im Besitz der Autorin.
[9] Holger Hartwig: Frauen auf der Suche nach „vollkommener Gesundheit“, in: Potsdamer Neueste Nachrichten, 12.7.1994.
[10] Interview von Jeanette Toussaint mit Barbara Burkhardt am 15.7.2020.